Das HYDEF-Konsortium hat am 22. Oktober in Madrid die erste Phase der Entwicklung eines europäischen Abfangflugkörpers gegen Hyperschallbedrohungen formal abgeschlossen. Für die Fortsetzung des Vorhabens wurde das Konsortium auf 41 Unternehmen aus 16 europäischen Staaten erweitert.
Abschlussveranstaltung in Madrid
Das Projekt „European Hypersonic Defence Interceptor“ (EU HYDEF) hat seine erste Phase beendet. Den formalen Abschluss bildete eine Veranstaltung am 22. Oktober 2026 im spanischen Zentrum für Studien zur Nationalen Verteidigung (CESEDEN) in Madrid. Dort stellte das Konsortium der Gemeinsamen Organisation für Rüstungskooperation (OCCAR) sowie Vertretern der beteiligten Staaten Spanien, Deutschland, Polen, Belgien und Norwegen die Ergebnisse aus drei Jahren Projektarbeit vor. Koordinator ist das spanische Unternehmen Sistemas de Misiles de España (SMS), das die entsprechende Mitteilung veröffentlicht hat.
Technischer Stand nach drei Jahren
Die Auswahl des Konzepts erfolgte im August 2025. Mit der Billigung der vorläufigen Systemanforderungen im August 2026 war die technische Entwicklungsarbeit der ersten Phase abgeschlossen. Nach Angaben des Konsortiums wurde in allen Teilsystemen ein technischer Reifegrad erreicht, der über dem ursprünglich gesetzten Ziel liegt. Konkrete Werte nennt die Mitteilung nicht. Hervorgehoben wurde zudem die Zusammenarbeit der beteiligten Unternehmen, die nach Darstellung des Konsortiums eine industrielle Grundlage über das laufende Projekt hinaus geschaffen habe.
Finanzierung und Projektstruktur
HYDEF wird von der Europäischen Union über den Europäischen Verteidigungsfonds (EVF) sowie von den fünf beteiligten Staaten kofinanziert. Die Europäische Kommission und die Teilnehmerstaaten haben OCCAR mit dem Projektmanagement betraut. Das Gesamtvolumen beträgt 110 Millionen Euro, davon stammen 100 Millionen Euro aus dem EVF und 10 Millionen Euro von den beteiligten Staaten. Der Vertrag zwischen OCCAR und SMS wurde am 31. Oktober 2023 in Bonn unterzeichnet.
Die Projektleitung lag bei SMS, die technische Verantwortung bei Diehl Defence. Zum Start umfasste das Konsortium 14 Unternehmen aus sieben europäischen Ländern. Ziel ist ein Konzept für einen endoatmosphärischen Abfangflugkörper zur Abwehr von Luftbedrohungen mit hoher Geschwindigkeit, gestützt auf Technologien in Antrieb, Aerodynamik, Lenkung, Sensorik und Aktorik. Ausgelegt ist das Vorhaben auf Hyperschallbedrohungen, die für die Zeit nach 2035 erwartet werden.
Erweitertes Konsortium für HYDEF2
Zum Abschluss präsentierte das Konsortium einen kurzfristigen Fahrplan für die Fortführung. Unter dem Namen HYDEF2 umfasst es inzwischen 41 Partner aus 16 europäischen Staaten. Grundlage ist eine Vereinbarung, die Diehl Defence und SMS am 11. Juni 2026 auf der ILA in Berlin unterzeichnet haben. Sie bildet den Rahmen für einen gemeinsamen Antrag im EVF-Aufruf EDF-2026-DA-ACC-AIRDEF-EATMI zum Thema hochleistungsfähige endoatmosphärische Abfangfähigkeit. HYDEF2 soll eine gemeinsame Vorentwicklungsphase für den Abfangflugkörper umfassen, mit dem Ziel, möglichst schnell eine Einsatzfähigkeit gegen besonders anspruchsvolle Bedrohungen zu erreichen. Dabei geht es um die Definition eines vollständigen Waffensystems innerhalb einer integrierten Luft- und Raketenabwehr, also neben dem Flugkörper auch um Suchkopf und Datenverbindungen.
Einordnung
Die Europäische Kommission hatte 2021 den EVF-Aufruf EATMI (Endo-Atmospheric Interceptor) gestartet. Neben EU HYDEF bewarb sich das von MBDA koordinierte Projekt HYDIS. Im Juli 2022 wurde EU HYDEF ausgewählt, in der Folge verfolgte Europa dennoch zwei Abfangprogramme parallel mit EVF-Unterstützung. Für die nächste Phase soll nur eines der beiden Konzepte erneut Mittel aus dem EVF erhalten. Eine Förderentscheidung für HYDEF2 nennt die Mitteilung des Konsortiums nicht.
Hintergrund ist der Einsatz russischer Hyperschallwaffen. Nach Einschätzung von EU Reporter haben die wiederholten Einsätze der russischen Flugkörper Kinschal und Zirkon deutlich gemacht, dass Europa derzeit über kein einsatzfähiges System zur verlässlichen Abwehr manövrierender Hyperschallwaffen verfügt.
