Nach dem Ende des gemeinsamen Kampfflugzeugvorhabens mit Frankreich haben Deutschland und Großbritannien erste Sondierungsgespräche über eine deutsche Beteiligung am Global Combat Air Programme (GCAP) geführt. Interne Unterlagen des Verteidigungsministeriums, über die POLITICO berichtet, zeigen jedoch deutliche Vorbehalte und eine Präferenz für eine Partnerschaft mit Schweden und Spanien.
Britische Initiative, erste Gespräche bestätigt
Nach Informationen von POLITICO hat der britische National Armaments Director, der die Rüstungsbeschaffung des Landes verantwortet, um eine deutsche Beteiligung an dem britisch-italienisch-japanischen Programm geworben. Das geht aus internen Dokumenten der Bundesregierung hervor, die dem Medium vorliegen. London will demnach über die Bedingungen einer Zusammenarbeit sprechen, darunter die industriellen Arbeitsanteile und die militärischen Fähigkeitsforderungen der Bundeswehr.
Das Bundesministerium der Verteidigung bestätigte auf Anfrage, dass erste Sondierungsgespräche zu den grundlegenden Anforderungen und Inhalten des GCAP stattgefunden haben. Ob Großbritannien Deutschland einen bestimmten Teilnehmerstatus angeboten hat, ließ das Ministerium offen. Die britische Regierung ging auf Einzelheiten nicht ein. Ein Sprecher erklärte lediglich, das Vereinigte Königreich und seine Partner seien weiterhin offen für zusätzliche Teilnehmer, sofern der Zeitplan des Programms gewahrt bleibe.
Aus der britischen Rüstungsindustrie heißt es dem Bericht zufolge, London werde voraussichtlich darauf verweisen, dass GCAP ein laufendes Programm mit dem Zieljahr 2035 sei. Es könne den deutschen Bedarf decken und Arbeitsplätze nach dem Auslaufen des Eurofighter sichern.
Vorbehalte im Verteidigungsministerium
Eine interne Bewertung des Ministeriums führt den Beitritt zum GCAP als eine der verbliebenen multinationalen Optionen auf, benennt aber mehrere Probleme. Das Programm sei auf ein maritimes Szenario ausgelegt und passe damit nicht zu den deutschen Anforderungen an Einsätze in Kontinentaleuropa. Zudem könne es schwierig werden, der deutschen Industrie in einem bereits laufenden Vorhaben eine substanzielle Rolle zu sichern.
Kritisch äußert sich das Papier auch zu BAE Systems, einem der führenden Unternehmen im Programm. Es verweist auf negative Erfahrungen aus der Entwicklung des Eurofighter. Daraus leitet es die Erwartung ab, dass der britische Konzern das Vorhaben in einer Weise dominieren würde, die mit einer gleichberechtigten Zusammenarbeit nicht vereinbar wäre.
Bei diesen Einschätzungen handelt es sich um eine interne Bewertung und nicht um eine abgestimmte Position der Bundesregierung. Den Unterlagen zufolge hat das Ministerium die zuständigen Abteilungen beauftragt, die britische Anfrage zu prüfen.
Alternative mit Schweden und Spanien
Dieselbe Bewertung verweist auf eine mögliche neue Partnerschaft mit Schweden und Spanien. Die drei Staaten hätten eng beieinanderliegende militärische Anforderungen und würden von einer vergleichbaren Ausgangslage starten, anders als Deutschland in dem bereits etablierten Dreierprogramm. Das Papier stuft diese Variante aus deutscher Sicht als vorteilhafter und aussichtsreicher ein und empfiehlt, sie weiterzuverfolgen.
Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums teilte mit, auch hierzu habe es erste Abstimmungsgespräche gegeben, um die grundlegenden Anforderungen an ein Luftkampfsystem der sechsten Generation zu klären. Entscheidungen über das künftige System hätten eine politische Dimension. Berlin stimme sich eng mit den Partnern und innerhalb der Bundesregierung ab.
Verteidigungsminister Boris Pistorius hat öffentlich bislang mehrere Optionen offengelassen. Laut POLITICO wird zudem der neue britische Premierminister Andy Burnham in den kommenden Wochen zu einem Treffen mit Bundeskanzler Friedrich Merz in Berlin erwartet.
Hintergrund: FCAS-Ende und Stand des GCAP
Bundeskanzler Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatten am 8. Juni 2026 das Aus für das gemeinsame Kampfflugzeug im Future Combat Air System (FCAS) bekannt gegeben. Ausschlaggebend war nach Darstellung von ZDFheute ein nicht beizulegender Streit zwischen Airbus und Dassault Aviation. An anderen Teilen des mehrsäuligen Vorhabens, an dem auch Spanien beteiligt ist, wollen Berlin und Paris laut POLITICO festhalten.
Das 2022 gestartete GCAP soll ab 2035 ein Kampfflugzeug der sechsten Generation hervorbringen. Darunter werden Systeme verstanden, die Tarnkappeneigenschaften, Sensorfusion, Vernetzung und unbemannte Begleitsysteme verbinden. Am 3. Juli 2026 vergab die GCAP Agency einen Vertrag über 4,6 Milliarden Pfund, umgerechnet rund 5,37 Milliarden Euro, an Edgewing. Das Gemeinschaftsunternehmen wird von BAE Systems, Leonardo und Japan Aircraft Industrial Enhancement getragen. Der Vertrag läuft nach Angaben von Janes über 18 Monate und umfasst den Abschluss der Konzept- und Bewertungsphase sowie die gemeinsame Detailkonstruktion und Entwicklung.
Kanada erhielt im Juli als erster Staat einen Beobachterstatus. Er gewährt Einblick in Leitungsstruktur, Fähigkeiten und industriellen Rahmen des Programms, aber keine Entscheidungsbefugnis.
Zu einem möglichen deutschen Einstieg hatte sich im Juli bereits Leonardo-Chef Lorenzo Mariani geäußert. Gegenüber AFP bezeichnete er eine deutsche Teilnahme als derzeit keine Option, aus industrieller Sicht jedoch als vorteilhaft. Als Risiko nannte er mögliche Folgen für Zeitplan und Arbeitsteilung.
