Hinweis: Dieser Beitrag wurde in Zusammenarbeit der Autoren Leonard Hennersdorf und Nils Katzur veröffentlicht.
“Das sind ukrainische Großmütter. Sie haben 3D-Drucker in der Küche und produzieren Teile für Drohnen. Das ist keine Innovation”. So drückte sich Rheinmetall-Vorstandschef Armin Papperger Ende März 2026 über die dezentrale ukrainische Drohnenherstellung aus. Dmytro gehört zu denjenigen, die schon seit Jahren Teile für Drohnen aus dem 3D-Drucker produzieren. Mit einem Drucker in der Küche haben seine Produkte nichts mehr zu tun.
Nach eigenen Angaben war Dmytro einer der ersten, der auf die Idee kam, 3D-Drucker zu nutzen, um den Streitkräften des Landes zu helfen. Dabei fing die Sache klein an: “Ich habe vor drei Jahren damit angefangen. Zwei meiner Freunde trafen sich, einer der beiden fand heraus, dass der andere einen 3D-Drucker besaß. Daraufhin hatte er die Idee, Dinge für das Militär herzustellen. Für Drohnen oder etwas Ähnliches.”
Das erste Bauteil war denkbar simpel, aber umso wichtiger für die Kriegsanstrengungen: “Es begann alles mit dem Detailbaustein, als die Armee auf die Idee kam, Mavic-Drohnen einzusetzen. Wir druckten dann das Bauteil, mit dem man die Granate an die Drohne anhängt und das den Mechanismus bietet, diese abzuwerfen, sobald nötig.”
Eine neue Ökonomie des Krieges
Drohnen sind mittlerweile zum Synonym für den Krieg in der Ukraine geworden. In einer aktuellen Analyse erklärt Expertin Lesia Bidochko, dass die Ukraine aus Zwang zu einer “neuen Kriegswirtschaft” gefunden habe. Für 2026 plant das Land, etwa sieben Millionen Drohnen herzustellen. Das dient, wie auch Militärexperte Nico Lange bestätigt, der zunehmenden Bedeutung der Quantität, also der Menge an unbemannten Flugkörpern an der Front: “Es hat sich in der Ukraine gezeigt, dass die Masse militärisch sinnvoll ist und keine Notlösung – das ist tatsächlich die beste Weise, Krieg zu führen. Wenn man so will, ist das eine neue Ökonomie des Krieges”.
Das war natürlich nicht immer so. Der Krieg veränderte sich seit Beginn der Vollinvasion 2022 konstant. Gerade unkonventionelle Methoden durch kleine Hersteller spielen in dieser neuen Ökonomie eine gewichtige Rolle. Zum Beispiel, so Lange, entwickeln ehemalige Videospiel-Studios Software für die Drohnenkriegsführung. Die dezentralisierte Rüstungsindustrie der Ukraine hält Lange für einen elementaren Vorteil: “Das geht einfach schneller und man kann sich schneller der Kriegssituation anpassen.”
Dem Experten zufolge spielen private Initiativen der Bevölkerung dabei eine essentielle Rolle: “Schon 2014, als die Ukraine zuerst angegriffen wurde, ist der Wiederaufbau der Streitkräfte teilweise aus der Zivilgesellschaft heraus erfolgt. Diese Verbindung mit der Zivilgesellschaft umfasst auch solche Modelle, dass Brigaden Drohnen oder Einzelteile kaufen und diese weiterentwickeln lassen.”
Waffenproduktion als Hobby
Dmytro arbeitet nicht für einzelne Brigaden, sondern beliefert eine zentrale Plattform: “Es gibt eine Seite, auf der alle Anforderungen gesammelt werden, die die Streitkräfte an die Wirtschaft stellen. Dort werden Aufträge vergeben, und wir können einfach drucken.” Dabei, so Dmytro, müsse man sich verpflichten, eine bestimmte Menge eines bestimmten Bauteils bis zu einem bestimmten Datum herzustellen. “Dadurch können die Streitkräfte damit planen.” Überdies gibt es ein Bewertungssystem: “Wenn die Qualität deines Produkts schlecht ist, bekommst du schlechtes Feedback, und wenn es zu oft passiert, wirst du gesperrt.”
Nach und nach besorgten sich Dmytro und seine Freunde immer mehr 3D-Drucker. Als ihnen der Platz ausging, stellten sie die Geräte schließlich in einem Büro- und Fabrikgebäude auf. Inzwischen versorgen und reparieren mehrere Mitarbeiter die Drucker. Der Arbeitsaufwand ist hoch und sie bekommen weder Geld von den Streitkräften noch von anderen Behörden. “Mittlerweile haben wir 25 Drucker, seit letztem Jahr haben wir 2,5 Tonnen an Bauteilen hergestellt.”
Zu Beginn waren das lediglich die Aufhängungsmechanismen. Dann forderte die Armee Stabilisierungsflügel für Granaten, und ständig kommen neue Bestellungen neuer Bauteile. Derzeit, so Dmytro, haben sie ein Portfolio aus fast dreißig verschiedenen Produkten, die sie an die Streitkräfte liefern. Dafür fanden sie eine Art Sponsor aus den Niederlanden, der lediglich Geld spendete, ohne eine Gegenleistung zu verlangen – bis auf eine: “Er will das Produktionsvolumen hoch genug halten, um eine Wirkung zu erzielen.”
Die Molotow-Cocktails des 21. Jahrhunderts
Der Lohn von Dmytro und seinen Freunden ist ähnlich. Dabei fühlen sie sich durch den Arbeitsaufwand sehr gefordert: “Gerade im Winter war es immer hart, die Drucker zu versorgen. Besonders wenn die verdammten Russen uns bombardiert haben und der Strom ausgefallen ist.” Die ständigen Stromausfälle im Winter durch russische Angriffe auf ukrainische Kraftwerke führten dazu, dass Dymtros Drucker immer wieder ausfielen. Daher war es nötig, um die Stromausfälle herum zu planen. Trotzdem ging Dmytro immer mit einem guten Gefühl nach Hause. “Innerlich fühlt es sich gut an, weil du weißt, dass du zu einer guten Sache beiträgst. Wenn man einen Stapel Kisten zur Post bringt, um sie an die Armee zu verschicken, hofft man, dass sich darin wenigstens ein toter Russe befindet.”
Darin erinnern die Drohnen und ihre Bauteile an ein ähnliches Kampfmittel, das bereits einmal dem Widerstand gegen eine russische Invasion diente. Finnische Soldaten benannten die Molotow-Cocktails nach dem sowjetischen Außenminister, da die Finnen die brennenden Flaschen dazu benutzten, russische Armeekonvois zu bewerfen. Dmytro sieht sich als Teil einer gewissen Tradition: “Man könnte sagen, Drohnen seien die Molotow-Cocktails des 21. Jahrhunderts.”
Für die Bundeswehr sind Entwicklungen wie Dymtros kleine Produktion von Drohnen-Komponenten ebenfalls interessant. Jeronimo Barbin am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr erklärt, dass die Bundeswehr zwar Konflikte wie den in der Ukraine genau beobachte, dabei aber stets durch die “eigene Brille” auf die Situation schaue. Welche Lehren die Bundeswehr dann daraus ziehe, werde von ihrer Militärkultur und institutionellen Prägungen beeinflusst. Im deutschen militärischen Denken spiele beispielsweise ein schweres Waffensystem wie der Panzer seit langer Zeit eine besondere Rolle. Grundsätzlich würden “westliche Demokratien” versuchen, so der Experte, Gefechte anders und mit weniger Einsatz von Infanterie als in der Ukraine zu führen. Drohnen seien zwar eine spezifische Herausforderung, doch sie müssten in Doktrin und Ausbildung eingebunden werden.
Derzeit plant die Bundeswehr noch im November 2026 die Befähigung für den taktischen Einsatz von FPV-Drohnen zu erreichen. Dazu stehen zahlreiche Modelle aus der Rüstungsindustrie zur Verfügung. Die Innovationen der ukrainischen Großmutter sind bereits in Deutschland angekommen.
