Verwundetenversorgung im Drohnenkrieg: Bundeswehr zieht Lehren aus der Ukraine

Eine Delegation des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr hat sich im September 2026 in Kyjiw und Dnipro über die Versorgung Verwundeter unter den Bedingungen des Drohnenkriegs informiert. Die Erkenntnisse betreffen Verletzungsmuster, Evakuierung, den Schutz von Behandlungseinrichtungen und die Ausbildung.
Sanitätsdienst | Foto: Bundeswehr/Patrick Grüterich

Eine Delegation des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr hat sich im September 2026 in Kyjiw und Dnipro über die Versorgung Verwundeter unter den Bedingungen des Drohnenkriegs informiert. Die Erkenntnisse betreffen Verletzungsmuster, Evakuierung, den Schutz von Behandlungseinrichtungen und die Ausbildung.

Delegation in Kyjiw und Dnipro

Generaloberstabsarzt Dr. Ralf Hoffmann, Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr, ist im September 2026 mit einem Expertenteam in die Ukraine gereist. In Kyjiw und Dnipro führte die Delegation Gespräche mit ukrainischen Militärärzten, unter anderem im ukrainischen Medical Command und im Militärkrankenhaus Ost. Themen waren Verwundungsmuster, taktische Verwundetenversorgung, Sanitätslogistik und Blutversorgung. Die Bundeswehr hat die Ergebnisse am 19. Oktober 2026 veröffentlicht.

Hoffmann zufolge sollte die Reise Erkenntnisse zur Rettungskette, zu Strukturen und Ausbildungsinhalten liefern. Zudem ging es um die Frage, mit welchem Sanitätsmaterial die Ukraine wirksamer unterstützt werden kann.

Drohnen verursachen den Großteil der Verwundungen

Nach ukrainischen Angaben gehen rund 90 Prozent der Verwundungen auf Drohnen zurück. Das direkte Gefecht ist seltener geworden, weil Drohnen auch den Raum hinter der Kontaktlinie überwachen und bekämpfen. Die sogenannte Kill Zone reicht nach ukrainischer Einschätzung etwa 25 Kilometer tief. Auch andere Auswertungen kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Einigen Schätzungen zufolge werden mehr als 80 Prozent der Verluste im Ukrainekrieg durch Drohnen verursacht, überwiegend durch kleine Angriffsdrohnen.

Auffällig sind die Verletzungen durch Loitering Munition, insbesondere durch Drohnen mit Handgranaten. Diese werden gezielt auf die Brustplatte gelenkt und verursachen schwere Verletzungen an Gesicht, Hals, Armen und Händen. Rund 85 Prozent der Verletzungen der oberen Körperhälfte betreffen nach ukrainischen Angaben die Augen. Schutzbrillen sind in den ukrainischen Streitkräften kaum verbreitet. Der Sanitätsdienst will deshalb auch die persönliche Schutzausstattung auf die veränderten Verletzungsmuster hin überprüfen.

Unbemannte Systeme in der Rettungskette

Der Sanitätsdienst untersucht den Einsatz unbemannter Boden- und Luftfahrzeuge (UGV und UAV) für die Evakuierung. Das Sanitätsregiment 3 in Dornstadt erprobt dafür eine erste Drohnenteileinheit. In der Ukraine übernehmen solche Systeme bereits einen kleinen, aber relevanten Teil der Patientenevakuierung, vor allem dort, wo bemannte Fahrzeuge weitere Soldaten gefährden würden.

Oberstarzt i.G. Dr. Tim-Oliver Trotzke vom Unterstützungskommando der Bundeswehr sieht in UGVs ein Mittel, die Flexibilität der taktischen Führung zu erhöhen und die Truppe zu entlasten. Hoffmann hält es für erforderlich, dass Sanitätskräfte den Umgang mit verschiedenen unbemannten Systemen erlernen. Künftig könnten Drohnen auch Sanitätsmaterial und Blutkonserven in gefährdete Bereiche bringen.

Behandlungseinrichtungen unter der Erde

In der Ukraine werden Behandlungseinrichtungen der Ebenen 1 und 2 der Rettungskette zunehmend unterirdisch oder eingegraben betrieben, da erkannte Einrichtungen selbst zum Ziel werden. Nach ukrainischen Angaben blieb eine eingegrabene Einrichtung im Raum Saporischschja nach einem Angriff mit zehn Gleitbomben ohne verletztes Personal. Ein Bericht der Hilfsorganisation MedGlobal beschreibt unterirdische Stabilisierungspunkte als eine der Anpassungen, zu denen ukrainische Gesundheitsdienste durch den Drohnenkrieg gezwungen wurden.

Für die Bundeswehr stellt sich die Frage, wie Behandlungseinrichtungen unter anhaltender Bedrohung aus der Luft geschützt, verlegt und betrieben werden können. Hoffmann kündigte eine engere Zusammenarbeit mit dem Spezialpionierregiment 164 in Husum an. Dessen schweres Gerät soll genutzt werden, um Einrichtungen schnell unter die Erde zu bringen und entsprechende Verfahren zu erproben.

Lange Wege bis zur Behandlung

Zwischen Verwundung und Eintreffen in einer Behandlungseinrichtung der Ebene 2 können in der Ukraine bis zu zwölf Stunden liegen. Dadurch gewinnt die taktische Verwundetenversorgung an Bedeutung. Zugleich setzen die ukrainischen Streitkräfte Fachärzte wie Augen- oder HNO-Ärzte vergleichsweise weit vorn ein, um eine frühe fachgerechte Behandlung zu ermöglichen.

Die Folgen langer Versorgungswege zeigen sich an der Zahl der Amputationen. Ukrainische Gesprächspartner nannten rund 100.000 Amputationen bei Soldaten seit Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022. Ein Tourniquet kann zunächst lebensrettend sein, für den Erhalt von Gliedmaßen ist jedoch eine rasche Weiterversorgung notwendig.

Anpassung der Ausbildung

Die Bundeswehr hat bereits vor der Reise ihre Lehrgänge für Ersthelfer und medizinisches Personal überprüft. Nach Angaben von Oberstarzt Dr. Dennis Ritter, Leitender Rettungsmediziner der Bundeswehr, wurden die Inhalte auf Grundlage der ukrainischen Erfahrungen grundlegend verändert. Der Combat Life Saver ersetzt den bisherigen Ersthelfer in der Truppe und soll Schwerverletzte länger versorgen können, bis Fachpersonal übernimmt. Die Lehrgänge werden 2026 eingeführt, mittelfristig soll die gesamte Truppe entsprechend ausgebildet werden. Auch die Lehrgänge Combat Paramedic und Combat Physician sind aus diesen Erkenntnissen entstanden.

Die Bundeswehr bildet ukrainische Soldaten bereits seit längerem in diesem Format aus. Das Combat Life Saver Training stammt ursprünglich aus den US-Streitkräften und wird auch in europäischen NATO-Staaten genutzt.

Sanitätszüge und weiterer Austausch

Die Delegation verfolgte im Südosten der Ukraine auch die Beladung eines Sanitätszuges, die wegen regelmäßigen Beschusses nachts stattfindet. Die Bundeswehr plant die Beschaffung eigener Sanitätszüge. Vorgesehen ist bislang, im Verteidigungsfall drei ICE 3neo der Deutschen Bahn aus dem Regelbetrieb zu nehmen und zu Lazarettzügen mit je rund 30 Intensivplätzen umzurüsten.

Der Zentrale Sanitätsdienst steht seit Jahren im Austausch mit den ukrainischen Streitkräften. Dieser soll künftig ausgeweitet werden, unter anderem zu Verletzungsmustern, chirurgischer Versorgung, Sanitätslogistik, Ausbildung, Drohneneinsatz und Digitalisierung. Der Sanitätsdienst wertet die gesamte Rettungskette systematisch aus, von der persönlichen Schutzausrüstung bis zur Verteilung Verwundeter an zivile Krankenhäuser auf Behandlungsebene 4. Hoffmann sieht darin eine Möglichkeit, den Sanitätsdienst weiter zu verbessern. Ein ukrainischer Sanitätsoffizier verwies auf die gute Ausbildung der deutschen Ärzte und die Kriegserfahrung auf ukrainischer Seite.

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