RCH 155 – die zukünftige Radhaubitze der Bundeswehr

RCH 155 – die zukünftige Radhaubitze der Bundeswehr
RCH 155 | Foto: KNDS

Die Bundeswehr erhält bis zu 229 Radhaubitzen des Typs RCH 155. Diese kombiniert die Feuerkraft des automatischen und fernbedienbaren Artillerie-Geschütz-Moduls mit dem Schutz und der Mobilität des erprobten Radpanzers GTK Boxer. Der vorliegende Beitrag beleuchtet das auch als „Zukünftiges System Indirektes Feuer mittlere Reichweite“ bezeichnete Vorhaben sowie die technischen Spezifikationen der RCH 155 im Detail.

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Beschaffungsvorhaben

Die im Rahmen des Vorhabens „Zukünftiges System Indirektes Feuer mittlere Reichweite“ (ZukSysIndirF mRw) beschafften Radhaubitzen des Typs RCH 155 sollen die PzH 2000 ergänzen und die Unterstützung gepanzerter Kräfte bei beweglich geführten, mechanisierten Operationen gewährleisten. Die Bundeswehr stellt folgende Forderungen an das Vorhaben: Fähigkeit zum strategischen Transport, eine maximale Kampfentfernung von 75 bis 100 km, die Fähigkeit, gegen alle Zielarten und Kategorien zu wirken, sowie die Fähigkeit, sowohl zur direkten Feuerunterstützung als auch zum Kampf mit Feuer eingesetzt werden zu können.

Eingesetzt werden sollen die neuen Radhaubitzen in den Divisionsartilleriebataillonen und in den mittleren Brigadeartilleriebataillonen. Die Divisionsartilleriebataillone werden über Rohr- und Raketenartillerie verfügen und sollen in der Lage sein, Ziele in bis zu 150 km Entfernung bekämpfen zu können. Jedes Bataillon soll über vier Batterien verfügen, von denen die vierte nicht aktiv ist: Die erste Batterie ist mit 16 Raketenartilleriesystemen ausgestattet, während die zweite und dritte Batterie jeweils neun Radhaubitzen umfassen, die in drei Geschützzüge zu je drei Systemen gegliedert sind. Die inaktive vierte Batterie hält drei Rohrartilleriezüge mit je drei Haubitzen sowie einen Raketenartilleriezug mit vier Systemen vor. Bis die RCH 155 verfügbar ist, werden die Divisionsartillerieverbände übergangsweise mit der Panzerhaubitze 2000 ausgerüstet.

Die mittleren Brigadeartilleriebataillone werden über Radhaubitzen und Loitering Munition verfügen und sollen in der Lage sein, Ziele in bis zu 70 km Entfernung bekämpfen zu können. Jedes Bataillon verfügt über drei Batterien mit je neun Radhaubitzen, die in drei Geschützzüge zu je drei Systemen gegliedert sind, wobei die dritte Batterie jeweils nicht aktiv ist.

Der Haushaltsausschuss des Bundestages stimmte der Beschaffung der Radhaubitzen vom Typ RCH 155 am 17. Dezember 2025 zu. Zwei Tage später, am 19. Dezember 2025, schloss das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) einen Rahmenvertrag mit der ARTEC GmbH über bis zu 500 RCH 155. Die ARTEC GmbH ist ein Joint Venture von KNDS Deutschland und der Rheinmetall Landsysteme GmbH. Wie beim Rahmenvertrag für den Leopard 2 A8 können auch bei diesem Vertrag andere Nationen beitreten und die RCH 155 zu den ausgehandelten Konditionen beschaffen. Die 500 im Vertrag enthaltenen Systeme sind somit nicht ausschließlich für die Bundeswehr bestimmt. Neben Großbritannien und der Schweiz, die einen separaten Vertrag abschließen wollen, zählen unter anderem Italien und Spanien zu den Interessenten dieses Rohrartilleriesystems.

In einem ersten Schritt wurden 84 Radhaubitzen inklusive Ausbildungsmitteln, Serviceleistungen und logistischem Support für rund 1,2 Milliarden Euro fest beauftragt. Finanziert wird das Vorhaben über das Sondervermögen „Bundeswehr“ und den regulären Verteidigungshaushalt, den Einzelplan 14. Die Auslieferung der Serienfahrzeuge soll im Zeitraum von 2028 bis Ende 2030 erfolgen. Als erstes soll das Artilleriebataillon 215 der Panzerbrigade 21 die neuen Radhaubitzen erhalten.knds+2

Laut dem Newsportal Hartpunkt sollen noch in diesem Jahr weitere 149 „RCH 155 im Wert von mehr als zwei Milliarden Euro für die benötigte Vollausstattung der Artillerietruppe bestellt werden“. Damit würde die Bundeswehr über insgesamt 229 Radhaubitzen des Typs RCH 155 verfügen und das Kostenvolumen des Beschaffungsvorhabens auf rund 3,4 Milliarden Euro steigen. Die Auslieferung dieser zusätzlichen Systeme soll bis 2032 abgeschlossen sein.

Artilleriebataillon 215 in Augustdorf aufgestellt
RCH 155 | Foto: PIZ Heer / Celine Liebner

Technische Daten

Die Remote Controlled Howitzer 155 mm (RCH 155) ist ein hochmobiles, geschütztes und vollautomatisiertes Artilleriesystem, das die Feuerkraft des unbemannten Artillerie-Geschütz-Moduls (AGM) mit dem Schutz und der Mobilität des bewährten Radpanzers BOXER kombiniert.

Die Hauptbewaffnung besteht aus einer 155 mm/L52 Rohrwaffe. Das System kann alle 155-mm-Geschosse verschießen, die dem Joint Ballistics Memorandum of Understanding der NATO entsprechen. Der Turm lässt sich ohne Fahrzeugabstützung um 360 Grad schwenken, das Rohr lässt sich zwischen -2,5 und +65 Grad elevieren – eine Kombination, die sowohl den Feuerkampf auf große Entfernungen als auch das direkte Richten zur Selbstverteidigung ermöglicht. Die Feuerrate liegt bei mehr als acht Schuss pro Minute. An Bord befinden sich 30 bezünderte Geschosse sowie 144 modulare Treibladungen; die Zünder werden automatisch induktiv programmiert. Die maximale Kampfentfernung variiert je nach Munitionstyp: Konventionelle Munition erlaubt Reichweiten bis zu 40 km, mit V-LAP sind es bis zu 54 km und mit VULCANO bis zu 70 km. Das System ist zudem für künftige Munitionsarten vorbereitet, durch die die maximale Kampfentfernung auf bis zu 100 km gesteigert werden soll. Als Sekundärbewaffnung ist eine fernbedienbare Waffenstation integriert.

Der Feuerkampf wird durch einen Feuerleitrechner mit integriertem Ballistikrechner und Datenfunkanbindung an ein übergeordnetes Artillerieführungssystem unterstützt. Dieser greift auf eine hochgenaue Navigationsanlage zurück, die wahlweise mit oder ohne GPS arbeitet. Besonders hervorzuheben ist die weltweit einzigartige Fähigkeit, während der Fahrt zu feuern. Ähnlich wie Stabilisierungssysteme in Kampf- und Schützenpanzern berechnet ein Rechner kontinuierlich die aktuelle Lage von Fahrzeug und Rohr und steuert die Waffe nach – der Schuss wird erst ausgelöst, wenn das Rohr exakt auf den Zielpunkt ausgerichtet ist.

Darüber hinaus ist das System zu Shoot and Scoot, also dem Bekämpfen von Zielen mit anschließendem schnellen Stellungswechsel, und zu Multiple Round Simultaneous Impact fähig. Letzteres bezeichnet die Fähigkeit, mehrere Geschosse hintereinander auf ein Ziel abzufeuern, die nahezu gleichzeitig im Zielgebiet eintreffen.

Dank der fernbedienbaren Waffenstation verfügt das System zusätzlich über eine Hunter-Killer-Fähigkeit zur Selbstverteidigung. Dabei kann der Kommandant über die Optronik der Waffenstation bereits neue Bedrohungen aufklären und deren Bekämpfung einleiten, während das System automatisiert ein zuvor erkanntes Ziel mit dem 155-mm-Geschütz bekämpft. Zur Verbesserung des Situationsbewusstseins werden die Radhaubitzen mit dem Rundumsichtsystem SETAS (See Through Armour System) von Hensoldt ausgerüstet.

Das Fahrmodul des GTK Boxer bietet ballistischen Schutz gegen schwere Maschinengewehre bis Kaliber 14,5 mm und Artilleriesplitter. Der Minenschutz schützt gegen Panzerabwehr- und Antipersonenminen. Eine Nebelmittelwurfanlage und ein ABC-Schutzbelüftungssystem sind ebenfalls integriert. Optional kann ein Barracuda-Tarnnetz angebracht werden, um feindliche Aufklärung zu erschweren. Fahr- und Geschützmodul verfügen darüber hinaus über eine Heiz- und Kühlanlage, was den Einsatz bei extremen klimatischen Bedingungen ermöglicht.

Das Gefechtsgewicht der RCH 155 liegt bei knapp 39 Tonnen. Die Abmessungen betragen 10,5 Meter in der Länge, 2,99 Meter in der Breite sowie 3,6 Meter in der Höhe. Angetrieben von einem bis zu 815 PS starken Motor erreicht das Fahrzeug auf der Straße Geschwindigkeiten von über 100 km/h bei einer Reichweite von mehr als 700 km, was eine hohe Eigenverlegbarkeit gewährleistet.

Wie der SPz Schakal, der künftige Radschützenpanzer der Bundeswehr, wird auch die RCH 155 über das neue Common Drive Modul B0 verfügen. Das neue Standardfahrmodul, das sich stark an der britischen Boxer-Variante orientiert, zeichnet sich durch eine maximale Traglast von 40 Tonnen aus – ermöglicht durch neue Reifen, Fahrwerksänderungen und eine überarbeitete Wanne mit Sechspunkt-Lagerung für Missionsmodule (gegenüber der bisherigen Vierpunkt-Lagerung bei der Bundeswehr). Abwärtskompatibilität ist dabei gewährleistet, sodass das neue Fahrmodul auch bestehende Missionsmodule aufnehmen kann. Die Fahrmodule sind für zwei verschiedene MTU-Dieselmotoren ausgelegt: den MTU 8V 199 TE20 mit 720 PS und den aus dem britischen Programm stammenden MTU 8V 199 TS21 mit 815 PS. Die Interoperabilität geht dabei so weit, dass im Gefecht ein defektes TE20-Triebwerk unmittelbar durch ein TS21-Triebwerk ersetzt werden kann.

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RCH 155 | Foto: Rheinmetall AG

Fazit

Mit der RCH 155 erhält die Bundeswehr die wahrscheinlich leistungsfähigste Radhaubitze der Welt. Nach jahrelangem Hin und Her wurde die Beschaffung dieses Rohrartilleriesystems Ende letzten Jahres beschlossen und der dringend erforderliche Aufwuchs der Artillerietruppe kann beginnen. Die zeitnahe Bestellung der weiteren 149 Systeme bleibt entscheidend, um dem Gesamtbedarf der Truppe zu entsprechen und weitere Verzögerungen bei dem Vorhaben zu vermeiden. Der Beginn der Serienlieferung im Jahr 2028 ist angesichts des Ziels der „Kriegstüchtigkeit“ bis 2029 bereits sehr ambitioniert.

Ein weiterer hervorzuhebender Aspekt ist die Tatsache, dass der Rahmenvertrag auch anderen Nationen die Beschaffung der RCH 155 ermöglicht. Dadurch können sich Synergieeffekte bei der Beschaffung, Ausbildung, Instandhaltung und im Einsatz ergeben. Neben Großbritannien, das einen separaten Vertrag für rund 70 Systeme schließen will, haben auch Italien und Spanien Interesse an dem System bekundet.

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