Bundeskanzler Friedrich Merz hat auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2026 einen grundlegenden Strategiewechsel der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik angekündigt. In seiner Eröffnungsrede machte er deutlich: Die internationale, regelbasierte Ordnung existiere in ihrer bisherigen Form nicht mehr. Deutschland und Europa müssten sich auf eine Ära der Großmachtpolitik einstellen – mit Russlands „gewaltsamem Revisionismus“ und Chinas globalem Gestaltungsanspruch.
Realistische Neubewertung der Weltlage
Unter dem düsteren Motto „Under Destruction“ diagnostizierte Merz eine fundamentale Zeitenwende. „Europa hat einen langen Urlaub von der Weltgeschichte beendet“, zitierte er den Philosophen Peter Sloterdijk. Die Welt werde wieder offen von Macht und Großmachtpolitik geprägt. Der „unipolare Moment“ nach dem Fall der Berliner Mauer sei lange vorbei, der Führungsanspruch der USA „angefochten, vielleicht schon verspielt“.
Merz räumte selbstkritisch ein, die deutsche Außenpolitik habe lange einen „normativen Überschuss“ gehabt – viel Kritik und moralische Maßstäbe, aber zu wenig Mittel zur Durchsetzung. Diese Schere zwischen Anspruch und Möglichkeiten wolle die neue Regierung schließen. Trotz eines zehnmal höheren BIP als Russland sei Europa heute nicht zehnmal so stark. „Wir legen den Schalter im Kopf um“, kündigte der Kanzler an.

Vier-Punkte-Programm für die Freiheit
Merz präsentierte ein umfassendes Programm zur Behauptung europäischer Freiheit und Souveränität:
Militärische und wirtschaftliche Stärkung: Deutschland investiert in den nächsten Jahren mehrere hundert Milliarden Euro in Sicherheit, nachdem sich beim NATO-Gipfel in Den Haag fast alle Alliierten zu 5% des BIP verpflichtet haben. Die Bundeswehr soll „schnellstmöglich zur stärksten konventionellen Armee Europas“ werden. Konkret nannte Merz den Aufbau einer Brigade in Litauen, Investitionen in Flugabwehr und Deep Precision Strike-Fähigkeiten sowie die Reform des Wehrdienstes. Parallel wird die kritische Infrastruktur gegen hybride Angriffe gehärtet und einseitige Abhängigkeiten bei Rohstoffen und Technologien abgebaut.
Souveränes Europa: Die EU müsse sich auf das Wesentliche konzentrieren – Freiheit, Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit. „Den Wildwuchs europäischer Bürokratie und Regulierung müssen wir beenden“, forderte Merz. Europa brauche eine eigene sicherheitspolitische Strategie und müsse „ein weltpolitischer Faktor werden“. Der Kanzler kündigte an, mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Gespräche über europäische nukleare Abschreckung aufgenommen zu haben – eingebettet in die NATO und ohne „Zonen unterschiedlicher Sicherheit“ in Europa. Die Verteidigungsindustrie müsse durch Standardisierung, Skalierung und Vereinfachung europäischer organisiert werden.
Neue transatlantische Partnerschaft: Merz sprach von einem „tiefen Graben“ zwischen Europa und den USA und räumte ein: „Die transatlantische Partnerschaft hat offenbar ihre Selbstverständlichkeit verloren.“ Der Kulturkampf der MAGA-Bewegung sei nicht der europäische, Europa halte an freiem Handel und multilateralen Organisationen fest. Dennoch müsse die Partnerschaft „neu begründet“ werden – auf Basis gegenseitiger Stärke. „Zusammen sind wir stärker“, so Merz. Er betonte auf Englisch: „Being a part of NATO is not only Europe’s competitive advantage“, sondern auch einer für die USA. Der europäische Pfeiler innerhalb der NATO solle gestärkt werden.
Globale Partnerschaften: Deutschland und Europa müssten ein „starkes Netz globaler Partnerschaften“ knüpfen, das über die traditionellen Bündnisse hinausgeht. Kanada, Japan, die Türkei, Indien, Brasilien, Südafrika und die Golfstaaten werden eine Schlüsselrolle spielen. Partnerschaft setze „keine vollkommene Übereinstimmung aller Werte und Interessen voraus“, sondern beruhe auf gemeinsamen Grundanliegen wie Völkerrecht und der friedlichen Konfliktbewältigung.
Ukraine-Unterstützung und europäische Führung
Merz bekräftigte die umfassende Unterstützung für die Ukraine – diplomatisch, politisch, wirtschaftlich und militärisch. „Seit einem Jahr leisten Deutschland und Europa hier die wichtigste Führungsarbeit“, betonte er. Die europäische Hilfe habe Moskau „ungeahnte Verluste und Kosten“ aufgezwungen und sei „Ausdruck europäischer Selbstbehauptung“.
Klare Absage an deutsche Großmachtpolitik
Trotz aller Forderungen nach mehr Stärke stellte Merz klar: „Großmachtpolitik in Europa ist für Deutschland keine Option.“ Partnerschaftliche Führung ja, „hegemoniale Fantasien, nein“. Deutschland werde „nie wieder allein gehen“ – die Freiheit könne nur mit Nachbarn und Verbündeten behauptet werden. „Zerreißt Europa, zerreißt Deutschland“, warnte der Kanzler mit Verweis auf Deutschlands geografische Lage in der Mitte Europas.
Die Rede endete mit einem Appell an den historischen Optimismus: Nach 1945 hätten die amerikanischen Freunde Deutschland für die Kraft der Freiheit, des Rechts und der Regeln begeistert. „Auf diesem Fundament ist die NATO zum stärksten politischen Bündnis der Geschichte geworden.“ Diese Idee wolle man „mit aller Kraft und Leidenschaft“ in die neue Zeit übertragen – „damit diese Zeit nicht finster wird, sondern eine gute Zeit für die Generation unserer Kinder und Enkelkinder“.
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