Das Verteidigungsministerium, das Land Niedersachsen, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben und die Stadt Emden haben am 5. Oktober 2026 eine Absichtserklärung für einen zweiten Marinehafen an der Nordsee unterzeichnet. Die Erklärung ist rechtlich nicht bindend, die endgültige Entscheidung steht nach Angaben des Ministeriums noch aus.
In Emden soll ein weiterer Stützpunkt der Deutschen Marine entstehen. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) und Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) stellten das Vorhaben am Montag in der ostfriesischen Stadt vor. Zuvor hatten das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg), das Land, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) und die Stadt einen Letter of Intent (LoI) unterzeichnet. Darin sichern die Beteiligten zu, eine zügige Umsetzung gemeinsam zu unterstützen. An dem Termin nahm auch Vizeadmiral Wilhelm Tobias Abry teil, der im September die Führung der Marine von Vizeadmiral Jan Christian Kaack übernommen hat.
Aufwuchs der Marine als Begründung
Das BMVg begründet den Bedarf mit der Bedrohungslage, den Verteidigungsplanungen und Fähigkeitszielen der NATO sowie nationalen Vorgaben wie dem Operationsplan Deutschland. Die Bundeswehr soll in den kommenden Jahren deutlich wachsen. Für die Marine bedeutet das zusätzliche Liegeplätze und Versorgungseinrichtungen für neue Schiffe und Boote sowie Unterkünfte und Ausbildungsgebäude für mehr Personal.
Wilhelmshaven, bislang der einzige Marinehafen an der Nordsee, kann den künftigen Bedarf an Liegeplätzen, Pierlängen und Unterstützungskapazitäten für den Nordseeraum mit Anschluss an Atlantik und Hohen Norden nach Darstellung des Ministeriums nicht allein decken. Pistorius betonte, Emden solle Wilhelmshaven ergänzen und entlasten, nicht ersetzen. Die Verteilung auf zwei Standorte schaffe Redundanz und mache die Marine im Ernstfall schwerer ausrechenbar. Der Minister verwies zudem darauf, dass die Marine derzeit so klein sei wie nie zuvor in der Geschichte der Bundeswehr, während ihr Aufgabenspektrum größer sei als je zuvor.
Standort Knock/Rysumer Nacken
Vorgesehen ist die Fläche Knock/Rysumer Nacken. Dabei handelt es sich nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur (dpa) um eine landeseigene Hafenerweiterungsfläche an der Ems westlich der Stadt, für die bislang eine zivile Nutzung geplant war. Da das Areal nicht dem Bund gehört, muss es laut BMVg zunächst an die BImA veräußert werden. Land und Stadt haben dafür ihre Unterstützung zugesagt.
Pistorius bezifferte den Flächenbedarf auf bis zu 450 Hektar; die genaue Größe werde sich erst in den kommenden Jahren ergeben. Am Ende des Ausbaus sollen bis zu 2.000 Dienstposten in Emden entstehen. Stationiert werden sollen dem Minister zufolge vor allem Unterstützungs- und Versorgungsschiffe. Darüber hinaus könne der Standort für Truppenverlegungen genutzt werden, auch über den zivilen Teil des Hafens.
Die Marine hat nach Angaben des Ministeriums bestehende Häfen und neue Optionen geprüft. Maßgeblich waren unter anderem die navigatorischen Gegebenheiten, die strategische Lage und die infrastrukturelle Anbindung. Nach den bisherigen Ergebnissen sei Emden die beste Option. Pistorius nannte als Gründe die verfügbare Fläche, den schnellen Zugang zu Nordsee und Nordatlantik sowie die Nähe zu den Übungs- und Einsatzgebieten der NATO-Partner.
Untersuchungen und Flächenerwerb stehen aus
Der LoI bildet laut BMVg die Grundlage für die erforderlichen formellen Schritte. Die Gespräche laufen nach Angaben des Ministers seit Februar. In den kommenden Monaten folgen weitere Untersuchungen zur Umsetzbarkeit, an denen die Marine, die für Natur- und Küstenschutz zuständigen Stellen und die landeseigene Hafengesellschaft Niedersachsen Ports beteiligt werden. Erst danach soll die endgültige Entscheidung fallen. Angaben zu Kosten und Zeitplan enthalten weder die Mitteilung des Ministeriums noch das Statement des Ministers.
Pistorius erwartet eine Beschleunigung durch das Bundeswehr-Infrastrukturbeschleunigungsgesetz. Den Entwurf hat das Kabinett am 1. Juli 2026 beschlossen; die Zustimmung des Bundestags steht aus. Das Gesetz soll Planung und Bau militärischer Infrastruktur wie Kasernen, Depots und Verkehrsanbindungen vereinfachen.
Lies verwies auf die geografische Lage, die verfügbaren Flächen und die maritime Tradition Emdens sowie auf die Erfahrung Niedersachsens mit großen Infrastrukturvorhaben. Oberbürgermeister Tim Kruithoff sieht in dem Stützpunkt laut der Mitteilung eine Chance für den Hafen, für Arbeitsplätze und für die wirtschaftliche Entwicklung der Region.
Hintergrund: Standortsuche an der Nordseeküste
Emden war bereits Marinestandort; der dortige Stützpunkt bestand bis 1997. Bei der Standortsuche hatte die Marine nach dpa-Angaben mehrere Küstenorte geprüft, darunter Bremerhaven. Dort unterzeichnete Pistorius am 29. September 2026 eine Absichtserklärung zum „Deployment Hub Bremerhaven 2031“, mit dem der Hafen für die Verlegung eigener und verbündeter Kräfte ausgebaut werden soll. Der Bund investiert dafür laut dpa rund 1,35 Milliarden Euro.
