Mit den erneuten Drohungen der US-Administration womöglich militärisch gegen das zu Dänemark gehörende Grönland vorzugehen, wurden die transatlantischen Beziehungen abermals erschüttert. So wird infrage gestellt, inwiefern in militärischen Fragen künftig Verlass auf das Weiße Haus ist. Folglich stellt sich auch die Frage, wie mit der immensen US-Abhängigkeit in allen Bereichen der europäischen Streitkräfte umgegangen werden soll. Die Beschaffung der Klasse 127, die die Sachsen-Klasse ab Mitte der 30er-Jahre ersetzen soll und folglich bis in die 70er-Jahre genutzt werden könnte, stellt einen Schwerpunkt bei dem Ausbau und der Modernisierung der Deutschen Marine dar. So ist es fraglich, ob eine langfristige US-Abhängigkeit bei einem derart zentralen und kostspieligen Rüstungsprojekt aktuell ratsam ist.
Der folgende Beitrag stellt eine spekulative Skizzierung einer möglichen Konfiguration der Klasse 127 auf der Basis von europäischen Systemen dar und beleuchtet dabei die immensen Herausforderungen und Risiken sowie Limitierungen, die mit einem solchen Ansatz verbunden wären. So werden auch die bisher weitgehend unbeachteten Abhängigkeiten der Deutschen Marine bei Kryptographie, Satellitenkommunikation, militärischem GPS und den Taktischen Datenlinks-16/22 betrachtet.
1. Spezifikationen
Eine sinnvolle, möglichst ITAR-freie (International Traffic in Arms Regulations) Version der F127 könnte wie folgt aussehen:
| F127 | F127Euro | |
| Länge über alles | 177.99m | ebenso |
| Länge Konstruktionswasserlinie | 173.4m | ebenso |
| Breite | 24m | ebenso |
| Tiefgang | 7.8m | ebenso |
| Verdrängung | +12.000 Tonnen | ebenso |
| Bordhubschrauber | Bis zu 2x MRFH 1x Hangar & 1x Flexhangar | ebenso |
| RHIB | 2x11m | ebenso |
| Antrieb | CODLAG | CODLAG (GT30 Gasturbine) |
| Maximalgeschwindigkeit | 32kn (bis 18kn rein elektrisch) | ebenso |
| Reichweite | 4000sm | ebenso |
| Ausdauer | 21d | ebenso |
| Eisklasse | 1C | ebenso |
| Stammbesatzung | 180 (inkl. SAN) | ebenso |
| Einschiffungskapazität | 50 | ebenso |
| FüWES (Führungs- und Waffeneinsatzsystem) | AEGIS & CMS330 | CMS330 |
| Multifunktionsradar | AN/SPY6(v)1 | Kronos Fixed Face GaN AESA (S-Band) |
| Feuerleitradar | 2xAN/SPG-62G (Future X-Band Radar fitted for but not with) als Teil des Mark 99 Fire Control System | Kronos StarFire (X-Band) |
| Nahbereichsradar | AN/SPQ-9B & SPEXER-2000 | SPEXER-2000 |
| EloKa (Elektronischer Kampf) | Schiff 1-2: AN/SLQ-32(v)6 (SEWIP Blk.2) Schiff 3-8: KORA40 ESM & Virgilius ECM | KORA40 ESM & Virgilius ECM |
| Bugsonar | Atlas Elektronik | ebenso |
| Schleppsonar | Atlas Elektronik | ebenso |
| Hochenergielaser (HEL) | MBDA +100kW | ebenso |
| Marineleichtgeschütz (MLG) | 2x qNFMLG (querschnittliche Nachfolgelösung Marineleichtgeschütz) | ebenso |
| Schiffsgeschütz | BAE Mk. 45 Mod. 4 | 2x Bofors 57mm SAK L/70 Mark 3 ODER Leonardo 76/62 Strales |
| RAM (Rolling Airframe Missile) | 2x Mk. 49 GMLS Mod. 5 | ebenso (trotz ITAR) |
| VLS (Vertical Launching System) | 96x Mk. 41 (aktuellste Baseline; Strike-Length) 64x Vorschiff; 32x mittschiffs Für: ESSM, SM-2IIIC, SM-6I, TLAM, 3SM, Iris-T HYDEF, evtl. SM-3 | 96x Zellen eines noch zu entwickelnden VLS Für: Iris-T SLM/SLX/HYDEF, 3SM, LRAW und sonstige Effektoren |
| Seezielflugkörper | 8x NSM 1A/3SM | ebenso |
| Torpedorohr-Drillinge | 2×3 MU90 | ebenso |

2. VLS und LFK-Ökosystem
Grundsätzlich stehen der Deutschen Marine drei etablierte Lenkflugkörperfamilien (LFK) zur Luftverteidigung zur Verfügung. Die Aster-Familie von MBDA (Frankreich, Italien und Vereinigtes Königreich), die BARAK-Familie von IAI (Israel) und die Standard-Missile-Familie (USA), die bereits für F127 gesetzt ist. Wenn F127 möglichst unabhängig von den USA sein soll, verbietet sich eine Nutzung der SM- und ESSM-Familie. So müsste die Marine auf ein alternatives Ökosystem wechseln.
Mit BARAK hat Israel eine nationale Lösung für seine AAW-Anforderungen (Anti-Air Warfare) geschaffen. Wie die Untersuchungen der Royal Netherlands Navy (RNLN), die aktuell erforscht, welche LFK-Familie im Rahmen des Future Air-Defenders zum Einsatz kommen soll, zeigen, wäre eine Beschaffung und Nutzung von BARAK durch eine europäische Marine mit mehreren Herausforderungen verbunden. So nutzt die israelische Marine BARAK in Verbindung mit dem EL/M-2248 MF-STAR S-Band Radar, welches auch die Feuerleitung übernimmt. Dementsprechend ist der LFK auf die Nutzung in Verbindung mit einem S-Band Feuerleitradar ausgelegt. Da in Europa standardmäßig X-Band Feuerleitradare eingesetzt werden, müsste BARAK erst modifiziert werden, um sinnvoll eingesetzt werden zu können. Des Weiteren steht für BARAK kein VLS zur Verfügung, das langfristig das Mark 41 der Deutschen Marine ersetzen könnte. Ebenfalls ist es fraglich, inwiefern eine langfristige Abhängigkeit von Israel politisch vorteilhafter ist als die bisherige Abhängigkeit von den USA. Nicht zuletzt stellt die BARAK-ER (Extended Range), ein Äquivalent zu der SM-2IIIC oder der Aster-30 Block 1NT, das technologische Maximum dieses LFK-Ökosystems dar, was den Vorstellungen der Deutschen Marine nicht gerecht werden dürfte.
Neben BARAK könnte man sich auch dem Aster-Ökosystem anschließen, welches neben LFK auch das Sylver VLS beinhaltet. Allerdings ist die Aster-30 Block 1NT, der leistungsfähigste LFK dieser Familie, ebenfalls nur für die weitreichende Flugabwehr ausgelegt und aufgrund technischer Defizite für Theater Ballistic Missile Defense (BMD) und damit für die Deutsche Marine nicht zufriedenstellend. Während das Sylver VLS in der Vergangenheit aufgrund seiner geschlossenen Systemarchitektur als höchst integrationsunfreudig galt, soll hier mit der Weiterentwicklung im Rahmen des Sylver Next Generation laut Medienberichten teilweise Abhilfe geschafft worden sein.

Ein Einstieg in das Aster-Ökosystem wäre für die Deutsche Marine allerdings mit mehreren rüstungspolitischen Problemen verbunden. So war in der Vergangenheit zu beobachten, dass Frankreich eine Integration des Sylver VLS in Exportprojekte von TKMS verhinderte. Falls TKMS zukünftig in Konkurrenz zur Naval Group stehen sollte, besteht das Risiko, dass TKMS das Sylver VLS vorenthalten werden würde, was einen offensichtlichen wettbewerblichen Nachteil darstellt. Ein vergleichbares protektionistisches Vorgehen ist beispielsweise auch bei MBDA zu beobachten, die in mehreren Ausschreibungen auf Druck aus Paris die MICA der CAMM vorgezogen hat. So überrascht es wenig, dass sich das Vereinigte Königreich im Rahmen der Type-31 und Type-26 Fregatten als auch der anvisierten T-83 Zerstörer dazu entschieden hat, aus dem Sylver VLS auszusteigen und stattdessen eine Mischung aus Mark 41 und einem nationalen Cold-Launch VLS für CAMM zu verfolgen. Trotz des Ausstiegs aus dem Sylver VLS verfolgt das Vereinigte Königreich weiterhin die Nutzung der Aster-30 in Verbindung mit dem Mark 41 auf den Type-83 Zerstörern. Ein Ansatz, der auch durch die RNLN vertieft betrachtet wurde. Bemerkenswerterweise verhalten sich französische Stellen diesbezüglich indifferent bis inhibierend, obwohl eine weitere Verbreitung der Aster-30 im Interesse aller Projektpartner sein dürfte. Dies wird darauf zurückgeführt, dass eine Mark 41 Integration der Aster-30 eine Umgehung weiterer französischer Systeme erlauben würde. Folglich sollte neben den signifikanten Defiziten des Aster-Ökosystems im Bereich der BMD betont werden, dass ein Einstieg in das Sylver VLS Deutschland in eine einseitige rüstungspolitische Abhängigkeit von einem Partner bringen würde, der diese bereits mehrere Male ausgespielt hat.
Neben den drei aktuell existierenden westlichen LFK-Familien könnte sich die Marine auch für eine Navalisierung der Iris-T-Familie entscheiden. So steht aktuell die Iris-T SLM, ein LFK mittlerer Reichweite, für eine Navalisierung zur Verfügung. Der Machbarkeitsnachweis hierfür wurde im Rahmen einer Live-Firing-Exercise vor Andøya im Oktober 2025 erbracht.

Trotzdem steht eine umfassende Navalisierung der Iris-T SLM weiterhin aus. So bedarf es beispielsweise einer angepassten Gyrostabilisierung, Verbesserung der Korrosionsbeständigkeit und Verbesserung der elektromagnetischen Verträglichkeit mit anderen Strahlungsemittern an Bord. Neben dem LFK wird aktuell untersucht, inwiefern Iris-T SLM in die Fregatten der Klasse 125 integriert werden kann. So besteht die Möglichkeit, 24 bis 36 Zellen einer navalisierten Version des bereits bekannten Launchers einzurüsten. Dieser würde vermutlich dauerhaft senkrecht installiert werden und schiffbauliche Peripherie erhalten. Weiterhin bedarf es dauerhaft verbauter Uplink-Antennen, Abfeuerverblockungen bei extremen Roll- und Stampfwerten sowie einer permanenten Anbindung in die Operationszentrale des Schiffs. Trotz alldem gilt zu beachten, dass es sich dabei nur um ein Provisorium vergleichbar mit dem US-amerikanischen Mark 56 VLS handelt, welches keine zufriedenstellende Lösung für F127 darstellen kann.
So müsste auf dieser Erfahrung aufbauend ein vollwertiges VLS für verschiedene LFK entwickelt werden. Besagtes VLS müsste neben Iris-T SLM auch die sich in der Entwicklung befindende Iris-T SLX aufnehmen. Iris-T SLX soll gemäß aktuellen Planungen im Jahr 2029 im Rahmen einer Live-Firing-Exercise zunächst durch die Luftwaffe erprobt werden und anschließend zulaufen. Angesichts der von 80 auf 100km verbesserten Reichweite und Dienstgipfelhöhe von 30km stellt Iris-T SLX eine zufriedenstellende nationale Lösung für die weitreichende Flugabwehr dar. SLM und SLX würden zukünftig durch Iris-T HYDEF ergänzt werden, die realistisch ab Mitte der 30er-Jahre zulaufen könnte und voraussichtlich eine Reichweite von 150-200km und eine Dienstgipfelhöhe von 50km aufweisen soll. Angesichts der signifikanten Zeitspanne bis zum Zulauf der ersten F127 bliebe folglich genug Zeit für die Entwicklung der Iris-T Familie.

Deutschland sollte hierbei allerdings aus den Fehlern des Aster-Konsortiums lernen und sein VLS von Anfang an mit einer offenen Architektur zur vereinfachten Integration verschiedener LFK planen. So müsste das VLS beispielsweise auch noch die 3SM und andere potenziell interessante Effektoren aufnehmen können. Die Entwicklung eines solchen VLS wäre zweifelslos eine Herausforderung. Dies begründet sich zum einen in dem strengen Zeitplan, da die Abmessungen früh verbindlich feststehen müssten, um den Baufortschritt von F127 nicht zu beeinträchtigen, sowie wegen des erforderlichen zeitnahen Produktionsbeginns, um die Endausrüstung nicht unnötig zu verzögern. Des Weiteren ist die Entwicklung eines eigenen LFK-Ökosystems sowie die Weiterentwicklung und der langfristige Betrieb mit hohen Kosten verbunden. So wäre Deutschland auf weitere Partner angewiesen, mit denen die Kosten geteilt werden könnten. Ein möglicher Partner wäre das Vereinigte Königreich, welches eine langfristige Nutzung des Mark 41 ebenfalls in Frage stellen könnte. So stünde der Royal Navy mit einem deutsch-britischen VLS eine eigene Alternative zum Mark 41 zur Verfügung, das die Integration eigener Effektoren erlaubt.
3. Radarsuite
Im Rahmen einer möglichst europäischen F127 ist die bisher anvisierte Kombination aus dem AN/SPY6(v)1, zwei AN/SPG-62G, dem AN/SPQ-9B sowie der anvisierten Integration des Future X-Band Radars aus offensichtlichen Gründen nicht zielführend. Folglich müsste eine europäische Radarsuite beschafft werden, die den Anforderungen an einen Major Air Defender genügt. Da Hensoldt aktuell weder ein Feuerleitradar noch ein Multifunktionsradar in dem anvisierten Leistungsbereich anbieten kann, ist eine deutsche Radarlösung höchst unwahrscheinlich. So kommen nur zwei Hersteller in Frage, die ein vollumfängliches Paket anbieten könnten: Thales Nederland und Leonardo.

Im Gegensatz zu Leonardo handelt es sich bei Thales Nederland um einen bekannten Lieferanten der Marine, der unter anderem das APAR Block 1 Feuerleit- (X-Band) und das SMART-L Weitbereichsradar (L-Band) für die Sachsen-Klasse zugeliefert hat. Allerdings ist das inzwischen gut 20 Jahre alte Grundkonzept dieser Radarsuite konzeptionell überholt. Abgesehen davon hat Thales Nederland im Rahmen der Sachsen-Klasse keine gute Erfolgsbilanz vorzuweisen. So sind sowohl das APAR als auch das SMART-L chronisch unzuverlässig und der technische After-Sales-Support durch Thales nicht zufriedenstellend. Diese Unzufriedenheit führte letztendlich zu der Entwicklung des TRS-4D LR/ROT (Long Range/Rotation) durch Hensoldt, welches anstelle eines Upgrades auf das SMART-L MM/N auf der Sachsen-Klasse zum Einsatz kommen sollte. Obwohl erste Tests höchst vielversprechend verliefen, wurde die Integration des TRS-4D LR/ROT in die Fregatten der Sachsen-Klasse im Jahr 2023 aus verschiedenen Gründen abgebrochen. Obwohl eine Wiederaufnahme des Programms grundsätzlich möglich ist, gilt zu betonen, dass ein rotierendes Weitbereichsradar aufgrund seiner konzeptionell bedingten Schwächen nicht mehr dem aktuellen Stand der Technik entspricht und die Firma Hensoldt, die die Entwicklung des TRS-4D LR/ROT verantwortete, auf israelisches Know-how zurückgreifen musste, um diese Lösung anbieten zu können. Daher kann das TRS-4D LR/ROT kaum als souveräne Lösung betrachtet werden.
Alternativ dazu wäre der italienische Rüstungskonzern Leonardo in der Lage, F127 mit der voraussichtlich leistungsfähigsten navalisierten Radarsuite Europas auszustatten. Bisher bestand diese aus dem Kronos Quad (4 Fixed Face AESA C-Band) und dem Kronos StarFire (4 Fixed Face AESA X-Band), die als Kronos Dual Band für Schiffe im Leistungsspektrum von Fregatten beworben wurde. Das Kronos Quad stellt hierbei ein Äquivalent für das von der Baden-Württemberg Klasse bekannte TRS-4D Fixed Face dar, während das StarFire mit dem APAR der Sachsen-Klasse zu vergleichen ist. Diese Suite sollte gemäß ursprünglichen Planungen für das italienische DDX (Zerstörer der nächsten Generation) Programm durch das rotierende Kronos Power Shield Weitbereichsradar (L-Band), welches mit dem niederländischen SMART-L vergleichbar ist, ergänzt werden. Aufgrund des gestiegenen Anforderungsniveaus im Bereich der Abwehr ballistischer Raketen, Hypersonic Cruise Missiles (HCM) und Hypersonic Glide Vehicles (HGV) sollen sowohl das Kronos Quad als auch das Kronos Power Shield durch ein S-Band Weitbereichsradar ersetzt werden, das sich aktuell in Entwicklung befindet und ab Ende dieses Jahrzehnts bereitstehen soll. Gemäß der aktuell verfügbaren Informationen wird dieses Radar sowohl konzeptionell als auch leistungstechnisch die beste europäische Alternative für das US-amerikanische AN/SPY6(v)1 darstellen. Dieses S-Band Radar soll auch weiterhin durch das Kronos StarFire Feuerleitradar ergänzt werden.

Eine Beschaffung einer Kronos Radarsuite wäre auch aus politischer Perspektive als interessant zu bewerten. So gibt es zwischen Deutschland und Italien eine seit Jahrzehnten unauffällige, aber für beide Seiten höchst positiv verlaufende Rüstungskooperation über alle Teilstreitkräfte hinweg. Des Weiteren ist Leonardo Anteilseigner von Hensoldt, was eine mögliche Koproduktion und einen nationalen After-Sales-Support deutlich erleichtern würde.
4. Kooperation mit Dänemark
Wie kürzlich verschiedenen Medienberichten zu entnehmen war, ist die Klasse 127 in der näheren Betrachtung als mögliche Nachfolgelösung für die drei Fregatten der Iver-Huitfeldt Klasse. So plant die dänische Marine diese deutlich vor dem Ende ihrer Lebensdauer durch mindestens drei – langfristig womöglich mehr – neue Fregatten zu ersetzen. Aufgrund verschiedener negativer Erfahrungen der dänischen Marine mit der Iver-Huitfeldt Klasse, wie beispielsweise Problemen mit der Radarsuite, bestehend aus dem APAR und SMART-L, die auch auf den Fregatten der Klasse 124 zum Einsatz kommen, scheint man bereit zu sein, gänzlich neue Wege einzuschlagen und sich einem neuen Ökosystem anzuschließen. Angesichts des dänischen Bedarfs einer hochpotenten Überwassereinheit für den Einsatz im Nordatlantik und daran angrenzenden Gewässern und der soliden Haushaltslage erscheint es wenig überraschend, dass ein Einstieg in das AEGIS-Ökosystem erwogen wird. Nachdem sich die US-Regierung allerdings aktuell alles andere als freundschaftlich gegenüber Dänemark verhält, dürfte dies wohl innenpolitisch wenig Anklang finden.

Falls sich Deutschland und Dänemark jedoch gegen einen Einstieg in das AEGIS-Ökosystem entscheiden sollten, wäre eine Kooperation bei einem gemeinsamen Ersatz der Sachsen- und der Iver-Huitfeldt-Klasse durchaus denkbar. So war im Rahmen eines letztjährigen Besuchs durch Staatssekretär Dr. Schmid auf der Fregatte Baden-Württemberg in Kopenhagen dem Vernehmen nach ein spürbares Interesse an einer navalisierten Iris-T SL zu vernehmen. Dies könnte möglicherweise als Ausgangspunkt dienen, um die deutsch-norwegisch-kanadisch-dänische Marinekooperation mit einem weiteren handfesten gemeinsamen Commitment zu verstetigen.
5. Ungesehene Abhängigkeiten
Während Waffensysteme wie P-8A Seefernaufklärer, MQ-9B SeaGuardian Drohnen oder das AEGIS FüWES eine offensichtliche und bekannte US-Abhängigkeit darstellen, werden weitere Abhängigkeiten bisher kaum thematisiert: GPS, Kryptografie, Satellitenkommunikation und Link-16/22. Diese werden im Folgenden exemplarisch betrachtet.
Aktuell greift die Bundeswehr auf eine Vielzahl US-amerikanischer Satellitenkapazitäten zurück, zum Beispiel auch, um die seegehenden Einheiten der Marine mit GPS-Daten zu versorgen. Neben dem offensichtlichen Bedarf von GPS für die Navigation wird auch das Zeitsignal des GPS benötigt, um beispielsweise militärische Netzwerke zu synchronisieren und damit den Austausch von Lagebildern oder Zieldaten zu ermöglichen. Fehlt die zeitliche Synchronisation, zum Beispiel in einem Taktischen Datenlink, kann dies den Datenaustausch massiv erschweren, wenn nicht verhindern.
Neben GPS greift die Bundeswehr auch bei der militärischen Satellitenkommunikation auf US-amerikanische Kapazitäten zurück. Während es auf der Hand liegt, dass ein stabiler Internetzugang für ein Kriegsschiff unabdingbar ist, wird leicht unterschätzt, dass beispielsweise auch diverse Logistik-, Administrations- und Betreuungsfunktionalitäten von einer durchgehenden Verfügbarkeit IP-basierter Dienste über Satellit abhängen. Obwohl Teile, wie die private Betreuungskommunikation der Besatzung, auch über private Anbieter abgewickelt werden könnten, können zivile Firmen nicht den operativen Bedarf an einem bereits verschlüsselten militärischen Netzwerk ersetzen. Unabhängig davon stellt sich die grundsätzliche Frage, inwiefern diese Fähigkeit in privatwirtschaftlichen Händen liegen dürfte. So dürfte eine Abhängigkeit von beispielsweise Starlink ebenso wenig erstrebenswert sein wie die Abhängigkeit von ITAR-regulierten militärischen Anlagen.
Taktische Datenlinks stellen aktuell das Rückgrat der NATO sowie der Deutschen Marine im Bereich des domänenübergreifenden Austausches militärischer Informationen dar. So werden über Link-16 militärische Lagebilder oder auch Zieldaten zwischen verschiedensten seegehenden als auch fliegenden Einheiten ausgetauscht. Um diesen Austausch jenseits des UHF-Nahbereichs (Ultra High Frequency) zu ermöglichen, ist die synchronisierte Nutzung über Satellitenanbindung nahezu unabdingbar. Hierbei gilt zu betonen, dass Link-16 beziehungsweise der Austausch von Echtzeitlagebildern insbesondere in der Integrierten Luftverteidigung – und damit insbesondere bei F127 – nicht aus der heutigen (maritimen) Kriegsführung wegzudenken ist.
Fährt ein Verband in Radar-Silence, um eine Aufklärung durch gegnerische EloKa möglichst zu vermeiden, versucht er für sein Lagebild auf die Daten Taktischer Datenlinks zurückzugreifen. Diese Daten würden von anderen Plattformen wie beispielsweise NATO AEW&C Flugzeugen (Aerial-Early-Warning & Control), landgestützten Anlagen oder anderer seegehender Einheiten über Taktische Datenlinks zur Verfügung gestellt. Erst wenn der Verband tatsächlich bedroht werden sollte, wird dieser seine eigene Sensorik nutzen, um sich zu verteidigen. Falls eine solche externe Datenlinkanbindung nicht bereitstehen sollte, müsste F127 als Guardship fungieren und dabei die Bereitstellung eines Luftlagebilds gewährleisten, was die Wahrscheinlichkeit einer Aufklärung durch die gegnerischen Streitkräfte drastisch erhöht.

Ein weiteres Beispiel stellt die BMD dar. Im Rahmen der Integrierten Luftverteidigungsarchitektur der NATO ist ein weiträumiges Luftlagebild inklusive weltraumgestützter Early-Warning Kapazitäten zur Detektion von Starts ballistischer Raketen von höchster Relevanz für erfolgreiche BMD. Verdeutlicht man sich, dass die Oreshnik-Angriffe auf die Ukraine mit bis zu 13.000km/h gemessen wurden, wird deutlich, dass die geografischen Restriktionen eines einzelnen Radars an Bord nur sehr geringe Vorwarnzeiten im Bereich von Minuten erlauben würden. Zur Frühwarnung und Berechnung des besten Point of Intercept besteht also auch für einen Major Air Defender wie die F127 das Erfordernis der permanenten satellitengestützten Anbindung an die erforderlichen Netze und Dienste, um sein BMD-Potenzial voll auszuschöpfen.
Grundsätzlich gilt, dass ein Seegefecht ohne den Austausch militärischer Informationen zwischen verschiedenen Einheiten nahezu vollkommen undenkbar geworden ist. Die verlässliche und verschlüsselte Anbindung an satellitengestützte IP-Dienste ist hierzu mittlerweile eine nahezu unabdingbare Voraussetzung. Die derzeitigen Abhängigkeiten von US-Systemen kann jedoch absehbar nur langfristig abgestellt und durch alternative Lösungen ersetzt werden.
Um sich dieser Abhängigkeit langfristig zu entziehen, müssen neue militärische und ITAR-freie Satelliten entwickelt, gebaut und ins All verbracht werden. Aufgrund der signifikanten technologischen, finanziellen, geografischen (wie dem gesicherten Zugang zu einem Weltraumbahnhof möglichst in Äquatornähe), logistischen (ausreichende Lastkapazitäten auf Trägersystemen) sowie organisatorischen Herausforderungen wäre in diesem Fall eine Koordination mehrerer Staaten im Rahmen der EU ratsam. Diese könnte nicht nur die Entwicklung und den Bau überwachen, sondern auch gemeinsame Standards durchsetzen. Selbst wenn hierzu der erforderliche Konsens der Nationen und die erheblichen Mittel gefunden werden würden, wäre der Aufwand, eine SatCom-Konstellation auf geostationärer Höhe und eine militärische GPS-Konstellation in den Medium Earth Orbit zu verbringen, enorm, was eine Inbetriebnahme vor den 40er-Jahren vermutlich unmöglich machen dürfte.

Vor diesem Hintergrund verwundert es noch mehr, mit welchem Hohn und Spott der Weltraumstrategie der Bundesregierung begegnet wurde, welche letztendlich die fatale strategische Abhängigkeit Deutschlands und der Bundeswehr erkennt und immense finanzielle Ressourcen bereitstellt, um sie stückweise abzubauen.
6. Fazit
Zurück zu F127: Angesichts der drohenden Obsoleszenz der Fregatten der Sachsen-Klasse und der veränderten Bedrohungslage in der deutschen maritimen Interessenssphäre ist der Bedarf an einem möglichst zügigen Zulauf der Klasse 127 nicht von der Hand zu weisen. AEGIS wäre hier unverändert die beste Lösungsmöglichkeit, um schnell ein hochleistungsfähiges Ökosystem in die Deutsche Marine einzuführen. So wäre eine möglichst europäische Alternative trotz massiver Anstrengungen klar kostintensiver, riskanter und später verfügbar. Angesichts der unabhängig von F127 bestehenden vielschichtigen US-Abhängigkeiten, die auch eine europäische F127 an das Wohlwollen Washingtons binden würden, wäre es fraglich sinnvoll, jetzt von AEGIS abzuweichen.
Falls dieser Ansatz jedoch verfolgt werden sollte, ist es an Berlin, einen Weg zu finden, der der deutschen militärischen Souveränität und Leistungsfähigkeit der Marine möglichst förderlich ist. In diesem Fall müsste Berlin immense finanzielle Ressourcen und politisches Kapital mobilisieren, um entsprechende Kooperationen ins Leben zu rufen. Andernfalls liefe Deutschland in Gefahr, eine Abhängigkeit durch eine andere Abhängigkeit zu ersetzen und dabei noch an Leistungsfähigkeit einzubüßen.
