Das Heer plant eine Verdoppelung seiner aktiven und eine Verdreifachung seiner nicht aktiven Strukturen – in organisatorischer, personeller und materieller Hinsicht. In diesem Beitrag schauen wir uns den Aufwuchsplan des Heeres im Detail an.
Table of Contents
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Organisation
Das Feldheer soll von aktuell drei auf fünf Heeresdivisionen aufwachsen, bestehend aus vier mechanisierten Divisionen und der Division Schnelle Kräfte. Folglich bedarf es der Neuaufstellung zweier mechanisierter Divisionen. Bei einer typischen 3er-Gliederung dürfte die Anzahl der Kampfbrigaden von derzeit neun auf 15 steigen. Dies entspricht einem Aufwuchs um sechs Kampfbrigaden, was sich mit vorangegangenen Medienberichten deckt, wonach Deutschland der NATO fünf bis sieben weitere Brigaden zur Verfügung stellen müsse. Nicht bekannt ist hingegen, ob es sich bei den geplanten neuen Brigaden um leichte, mittlere oder schwere Kräfte handelt. Angesichts der bekannten Beschaffungsplanungen ist jedoch von einem Mix aus mittleren und schweren Brigaden auszugehen.
Dieser geplante Aufwuchs spiegelt sich auch auf Bataillonsebene wider. Laut dem Magazin .loyal soll das Heer von derzeit etwa 65 auf 107 Bataillone bis 2029 und schließlich auf 150 Bataillone bis 2035 anwachsen. Das entspricht einem Aufwuchs von 85 Bataillonen innerhalb eines Jahrzehnts.

Darüber hinaus ist bekannt, dass Deutschland zwei Korpstruppen für multinationale Korps stellen soll. Wie genau sich diese Korpstruppen zusammensetzen sollen, ist bislang nicht abschließend geklärt. Wahrscheinlich werden die Korpstruppen jedoch Fernmelde-, Artillerie-, Flugabwehr-, Heeresflieger-, Pionier-, Aufklärungs- und Logistikkräfte in Brigadestärke benötigen. Laut Hartpunkt hat Deutschland der NATO zwei sogenannte Combat-Reconnaissance-Brigaden, also Kampfaufklärungsbrigaden, als Korpstruppenteile zugesagt. Diese sollen neben klassischen Aufklärungsaufgaben auch zur Flankensicherung und als Korpsreserve eingesetzt werden. Dazu sollen sie neben weitreichenden Drohnenfähigkeiten auch über durchsetzungsstarke Gefechtsfahrzeuge bis hin zu Kampfpanzern verfügen.
Ebenfalls auf Korpsebene angesiedelt sein dürfte die geplante Lenkwaffenbatterie für Deep Precision Strike. Bis 2029 soll eine solche Batterie als Kern einer Multi-Domain Task Force einsatzbereit sein. Das Multi-Domain-Task-Force-Konzept stammt aus den USA und soll nun auch von anderen NATO-Partnern genutzt werden. Eine Multi-Domain Task Force nach US-amerikanischem Vorbild besteht aus einem Multi-Domain Effects Battalion mit Fernmelde- und Nachrichtendienstfähigkeiten, einem Long-Range Fires Battalion mit Raketenartillerie, Marschflugkörpern und Hyperschallwaffen, einer Integrated Fire Protection Capability, also Luftverteidigung, sowie einem Brigade Support Battalion. Bis 2035 ist eine bislang unbekannte Anzahl von Multi-Domain Task Forces im NATO-Verbund vorgesehen. Die bereits bis 2029 vorgesehene Lenkwaffenbatterie für Deep Precision Strike dürfte mit dem mobilen Raketensystem Typhon und Tomahawk-Marschflugkörpern ausgestattet werden. Damit wären Präzisionsschläge in Entfernungen von bis zu 1.600 Kilometern möglich.
Auch die Heimatschutzkräfte sollen neu organisiert werden. Kurzfristig sollen die aktiven und nicht aktiven Strukturen der Heimatschutzdivision personell und materiell voll ausgestattet werden. Mittelfristig ist eine Weiterentwicklung zu eigenständigen Brigaden und Bataillonen geplant, die sich am tatsächlichen Auftragsumfang orientieren. Langfristig steht sogar die Wiederaufstellung eines eigenständigen Territorialheeres zur Diskussion.
Personal
Aktuell verfügt das Heer über rund 61.000 aktive Soldatinnen und Soldaten sowie etwa 37.000 Reservistinnen und Reservisten. Aufgrund der Neuaufstellung der Panzerbrigade 45, der Stärkung der Ausbildungsstrukturen für den neuen Wehrdienst, der Wiederaufstellung der Heeresflugabwehrtruppe sowie der Einführung einer Anfangsbefähigung zum Einsatz von Loitering Munition hat das Heer bereits heute einen Bedarf von rund 10.000 zusätzlichen aktiven militärischen Dienstposten. Das ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Bereits bis 2029 soll das Heer um 45.000 Soldatinnen und Soldaten auf insgesamt 106.000 Aktive anwachsen. Bis 2035 ist ein weiterer Aufwuchs um zusätzliche 45.000 aktive militärische Dienstposten auf insgesamt 151.000 Aktive geplant. Insgesamt soll das Heer somit um 90.000 aktive Soldatinnen und Soldaten von aktuell rund 61.000 auf 151.000 anwachsen. Dieser Aufwuchs ist vor allem für folgende Bereiche vorgesehen: die in Litauen stationierte Panzerbrigade 45, die Wiederaufstellung der Heeresflugabwehrtruppe, die Stärkung der Artillerietruppe sowie zusätzliche Divisions- und Korpstruppen, um der NATO kampfstarke Großverbände zur Verfügung stellen zu können. Vergleicht man diese Zahlen jedoch mit dem offiziell geplanten Aufwuchs der Bundeswehr, wird schnell deutlich, dass hier eine erhebliche Differenz zwischen dem militärisch Notwendigen und dem politisch Machbaren beziehungsweise Gewollten besteht. Dazu später mehr.

Ähnlich ambitioniert ist der Aufwuchsplan für die Reserve des Heeres. Von aktuell rund 37.000 Reservistinnen und Reservisten soll die Heeresreserve bereits bis 2029 um 49.000 auf insgesamt 86.000 nicht aktive militärische Dienstposten anwachsen. Bis 2035 ist ein weiterer Aufwuchs um zusätzliche 15.000 Reservistinnen und Reservisten auf insgesamt 101.000 nicht aktive militärische Dienstposten geplant. Insgesamt soll das Heer somit um 64.000 Reservistinnen und Reservisten von aktuell rund 37.000 auf 101.000 anwachsen. Dieser Aufwuchs ist erforderlich, um die Truppenreserve und den Feldersatz zu stärken und die geforderte Verteidigungsfähigkeit zu erreichen.

Damit sind wir jedoch noch nicht am Ende, denn es gibt zusätzlich die Heimatschutzkräfte, die seit Kurzem ebenfalls dem Heer zugeordnet sind. Diese verfügen aktuell über rund 500 aktive und 6.500 nicht aktive militärische Dienstposten. Bereits bis 2029 sollen die Heimatschutzkräfte um 138.000 Dienstposten, davon 9.500 aktive und 128.500 nicht aktive, auf insgesamt 145.000 Männer und Frauen anwachsen. Wem diese Zahlen äußerst ambitioniert erscheinen, liegt richtig. Allerdings ist hierbei bereits die maximale Unterstützung durch nicht militärische Leistungen eingerechnet. Auch hier wird deutlich, dass allein der Bedarf des Heeres an Reservekräften mit insgesamt 236.000 Dienstposten den offiziell geplanten Aufwuchs in diesem Bereich übersteigt, wobei die Bedarfe der übrigen militärischen Organisationsbereiche noch nicht einmal berücksichtigt sind.

Zusammengefasst benötigt das Heer zusätzlich 99.500 aktive und 192.500 nicht aktive militärische Dienstposten, um den als erforderlich erachteten Gesamtumfang von 161.000 aktiven Soldatinnen und Soldaten sowie 236.000 Reservistinnen und Reservisten zu erreichen.
Material
Aktuell verfügt das Heer über rund 1.000 Gefechtsfahrzeuge, 150 Artilleriesysteme und 5.300 Logistikfahrzeuge. Angesichts des skizzierten geplanten Aufwuchses verwundert es daher nicht, dass auch beim Material eine erhebliche Menge neuen Großgeräts hinzukommen soll.
Der Bestand an Gefechtsfahrzeugen soll von aktuell rund 1.000 Fahrzeugen bereits bis 2029 um 700 Stück auf 1.700 Systeme steigen. Bis 2035 ist ein weiterer Aufwuchs um 1.300 Fahrzeuge auf insgesamt 3.000 Gefechtsfahrzeuge geplant. Insgesamt sollen in den nächsten zehn Jahren also rund 2.000 zusätzliche Gefechtsfahrzeuge zulaufen. Dabei handelt es sich um Kampfpanzer Leopard 2, Schützenpanzer Puma und Schakal sowie Schwere Waffenträger Infanterie. Bekannt ist, dass die Beschaffung von rund 1.000 zusätzlichen Leopard 2, mindestens 600 Schützenpanzern Puma sowie 150 bis 350 Schützenpanzern Schakal geplant ist.
Auch im Bereich der gepanzerten Transportfahrzeuge ist ein massiver Aufwuchs vorgesehen. So sollen in den kommenden Jahren mindestens 1.800, möglicherweise sogar mehr als 3.000 zusätzliche GTK Boxer beschafft werden. In diesen Zahlen sind jedoch auch die geplanten Stückzahlen für beispielsweise Radhaubitzen und Flugabwehrsysteme auf Basis des Boxers enthalten. Vom Piranha V sollen mehr als 1.000 Fahrzeuge in den Varianten 6×6 und 8×8 beschafft werden. Vom Patria 6×6, dem Nachfolger des veralteten TPz Fuchs, sollen mindestens 1.000, möglicherweise sogar bis zu 4.000 Fahrzeuge in verschiedenen Varianten zulaufen. Vom Eagle V sollen bis zu 5.000 Fahrzeuge beschafft werden, davon rund 4.000 in der 4×4-Version als geschütztes Führungs- und Funktionsfahrzeug sowie etwa 1.000 in der 6×6-Version als mittleres geschütztes Sanitätskraftfahrzeug. Insgesamt sollen in den nächsten Jahren somit etwa 6.800 bis 13.000 zusätzliche gepanzerte Radfahrzeuge beschafft werden.
Wie bereits erwähnt, soll auch die Artillerietruppe massiv aufgerüstet werden. Der Bestand an Artilleriesystemen soll von aktuell rund 150 Systemen bereits bis 2029 um 400 Stück auf 550 Rohr- und Raketenartilleriesysteme anwachsen. Bis 2035 ist ein weiterer Aufwuchs um 800 Systeme auf insgesamt 1.350 Artilleriesysteme vorgesehen. Insgesamt sollen in den nächsten zehn Jahren also rund 1.200 zusätzliche Rohr- und Raketenartilleriesysteme zulaufen. Dabei handelt es sich unter anderem um die PzH 2000, die RCH 155 und das Raketenartilleriesystem PULS. Bekannt ist, dass die Bundeswehr mindestens 229 Radhaubitzen des Typs RCH 155 sowie über 100 Raketenartilleriesysteme des Typs PULS beschaffen will. Weitere Details sind bislang nicht öffentlich bekannt.
Auch die neu aufzustellende Heeresflugabwehrtruppe benötigt umfangreiches neues Material. Allein vom Flugabwehrkanonenpanzer Skyranger 30 sollen laut übereinstimmenden Medienberichten insgesamt 500 bis 600 Systeme beschafft werden. Die Kosten dafür könnten sich auf bis zu 9 Milliarden Euro belaufen. Neben dem Skyranger 30 ist zudem die Beschaffung eines neuen Flugabwehrraketenpanzers geplant. Der Bedarf der Bundeswehr liegt laut Informationen der WELT bei rund 140 Systemen bis 2029 und etwa 170 Systemen bis 2035. Für mittlere Entfernungen ist zudem die Beschaffung von bis zu 50 Luftverteidigungssystemen IRIS-T SLM vorgesehen. Diese sollen entgegen der ursprünglichen Planung nicht ausschließlich von der Luftwaffe, sondern auch von der Heeresflugabwehrtruppe betrieben werden, wie Defence Network berichtet.
Da all diese Systeme ohne eine leistungsfähige Logistik nur eingeschränkt nutzbar wären, plant das Heer auch einen massiven Aufwuchs im Bereich der Logistikfahrzeuge. Der Bestand an Lkw soll von aktuell rund 5.300 Fahrzeugen bereits bis 2029 um 13.700 auf etwa 19.000 Fahrzeuge steigen. Bis 2035 ist ein weiterer Aufwuchs um 41.000 Lkw auf insgesamt rund 60.000 Fahrzeuge vorgesehen. Insgesamt sollen in den nächsten zehn Jahren somit rund 54.700 zusätzliche Logistikfahrzeuge zulaufen.

Fazit
Zusammengefasst sieht die Zukunft des Heeres wohl wie folgt aus: fünf Heeresdivisionen mit insgesamt 15 Kampfbrigaden sowie zwei Korpstruppen für multinationale Korps. Insgesamt 150 Bataillone beziehungsweise Bataillonsäquivalente. Der Personalumfang soll aus 161.000 aktiven Soldatinnen und Soldaten sowie 236.000 Reservistinnen und Reservisten bestehen. 3.000 Gefechtsfahrzeuge, 1.350 Artilleriesysteme und 60.000 Logistikfahrzeuge bilden den Kern der materiellen Ausstattung des Heeres. So zumindest der Plan der Heeresführung. Es stellt sich jedoch die Frage, ob dieser Plan auch realistisch ist.
Wie bereits erwähnt, sprengt allein der geplante personelle Aufwuchs des Heeres den offiziell vorgegebenen Personalumfang von insgesamt 460.000 aktiven und nicht-aktiven militärischen Dienstposten. Das Verteidigungsministerium plant mit rund 80.000 zusätzlichen aktiven militärischen Dienstposten, insgesamt also 260.000, sowie 150.000 weiteren nicht-aktiven militärischen Dienstposten, insgesamt 200.000. Die Heeresführung hält jedoch allein für das Heer einen Aufwuchs um 99.500 aktive und 192.500 nicht-aktive militärische Dienstposten für militärisch notwendig. Hinzu kommen die Bedarfe der anderen militärischen Organisationsbereiche. Bei der Luftwaffe ist bekannt, dass sie gerne um 21.000 auf insgesamt 50.000 aktive militärische Dienstposten anwachsen würde. Die Bedarfe der Marine, des Cyber- und Informationsraums sowie des Unterstützungsbereichs sind bislang nicht bekannt. Ich würde jedoch auf eine Verdopplung im Unterstützungsbereich sowie auf etwa 50 Prozent bei Marine und CIR tippen. Rechnet man mit diesen Annahmen, ergibt sich ein erforderlicher Streitkräfteumfang von rund 350.000 aktiven Soldatinnen und Soldaten. Das wären etwa 90.000 mehr als aktuell politisch gewollt. Angesichts dessen, dass ein solcher Aufwuchs definitiv nur mit einer Wehrpflicht zu realisieren wäre, halte ich es für wahrscheinlich, dass es nie so weit kommt und sich die Truppe stattdessen weiterhin mit einer künstlichen Personalobergrenze arrangieren muss. Statt ursprünglich 203.000 aktiven und 90.000 nicht-aktiven Dienstposten wurde diese Obergrenze nun lediglich auf 260.000 aktive und 200.000 nicht-aktive angehoben. Entsprechend dürfte auch der organisatorische und materielle Aufwuchs geringer ausfallen als geplant.
Abgesehen von der Diskrepanz zwischen dem, was von der Heeresführung als militärisch notwendig erachtet wird, und dem, was politisch machbar beziehungsweise gewollt ist, fällt auch der äußerst ambitionierte Zeitplan des Heeres auf. Bis 2029 um 55.000 aktive und 184.000 nicht-aktive militärische Dienstposten zu wachsen, dürfte selbst mit einer Wehrpflicht eine enorme Herausforderung sein, da zunächst die entsprechenden Ausbildungs- und Führungsstrukturen aufgebaut werden müssten. Auch die zeitlichen Planungen im Bereich des Materials sind, positiv formuliert, sehr ambitioniert. 700 zusätzliche Gefechtsfahrzeuge, 400 weitere Artilleriesysteme und 13.700 zusätzliche Lkw allein bis 2029 erscheinen angesichts dessen, dass ein Großteil dieses Materials bislang nicht einmal bestellt ist, kaum realistisch.
An dieser Stelle ist mir wichtig zu betonen, dass ich die militärische Notwendigkeit dieses Aufwuchses in keiner Weise infrage stellen möchte. Angesichts dessen, dass sich die USA zunehmend von Europa abwenden, bin ich vielmehr der Ansicht, dass eigentlich noch deutlich mehr erforderlich wäre, um zur eigenständigen Verteidigung fähig zu sein. Denn die vorgestellten Planungen des Heeres spiegeln weiterhin NATO-Planungen wider, die einen US-Anteil von rund 40 Prozent beinhalten. Ob es jedoch eine gute Idee ist, sich dauerhaft darauf zu verlassen, wage ich zu bezweifeln. Nichtsdestotrotz müssen die aktuellen Planungen des Heeres leider als unrealistisch bewertet werden, da sie politisch nicht machbar beziehungsweise nicht gewollt sind. Es bleibt daher nur zu hoffen, dass es in der Politik noch zu einem Umdenken kommt. Denn die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
