Sparta 2.0: Der Plan für ein souveränes Europa

Sparta 2.0: Der Plan für ein souveränes Europa
Das GlobalEye System könnte eine kritische Fähigkeitslücke der Europäer schließen| Foto: Saab AB

Ein Expertenpapier aus dem Mai 2026 beschreibt zehn kritische Fähigkeitslücken der europäischen Verteidigung und skizziert, wie Europa innerhalb eines Jahrzehnts strategische Unabhängigkeit von den USA erlangen könnte – wenn der politische Wille dazu vorhanden ist.

Ausgangslage: Abhängigkeit von Washington

Die Europäer sind trotz immenser Verteidigungsausgaben in militärischen Kernbereichen vollständig auf die USA angewiesen. Von der Satellitenaufklärung über Führungssoftware bis hin zur nuklearen Abschreckung ist kein europäischer Kampfeinsatz ohne US-Systeme, US-Freigaben oder US-Software denkbar. Diese Abhängigkeit, die im Kalten Krieg funktional war, ist nach Einschätzung des Papiers durch europäisches Trittbrettfahren über Jahrzehnte hinweg mitverursacht worden.

Der strategische Kontext hat sich verändert: Die USA richten ihren sicherheitspolitischen Fokus zunehmend auf andere Weltregionen, und transatlantische Differenzen in grundlegenden Werte- und Rechtsfragen sind nach Einschätzung der Autoren nicht mehr zu ignorieren.

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Das Papier: Wer steckt dahinter?

Das Positionspapier, das unter dem inoffiziellen Kürzel „Sparta 2.0″ kursiert, wurde von einem interdisziplinären Autorenteam verfasst, darunter Dr. Jeannette zu Fürstenberg, Prof. Dr. Moritz Schularick (Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft), Nico Lange, René Obermann sowie Dr. Thomas Enders, ehemaliger CEO von Airbus. Es richtet sich explizit an deutsche und europäische Entscheidungsträger in Politik, Industrie und Militär.

Zehn Felder, in denen Europa handeln muss

Die Autoren identifizieren zehn strategische Fähigkeitslücken:

  • Führungssysteme (Command & Control): Aufbau einer souveränen, resilienten Führungssoftware nach dem Vorbild des ukrainischen Delta-Systems – als europäisches Pendant zu US-Lösungen wie Palantir
  • Skalierte autonome Systeme: Massenproduktion von Drohnen, Loitering-Munition und unbemannten Bodenfahrzeugen (UGVs) in Millionenstückzahlen pro Jahr
  • Bodengebundener Deep Precision Strike & Kampfflugzeuge der 6. Generation: Entwicklung ITAR-freier Langstreckenwaffen, ballistischer Systeme und Hyperschallflugkörper sowie europäischer Kampfjet-Nachfolger
  • Luftverteidigung: Aufbau einer gestaffelten Abwehr von der Drohnenabwehr im Nahbereich bis zur Raketenabwehr gegen ballistische und hypersonische Bedrohungen
  • Satellitenaufklärung & Kommunikation: Aufbau eines europäischen Starlink-Äquivalents sowie Ausbau des Galileo-Systems für militärische Nutzung
  • Weltraumzugang: Deutliche Steigerung der Startkapazitäten mit kleinen, mittleren und schweren Trägerraketen – Ziel: mindestens 50 Starts pro Jahr bis 2030
  • Persistente Luftaufklärung (ISR): Aufbau eines durchgängigen europäischen Aufklärungsnetzwerks aus Satelliten, Drohnen und Bodensensorik
  • Militärische Cloud, Software & KI: Souveräne europäische Datenverarbeitungsinfrastruktur als Ersatz für US-Plattformen
  • Strategischer Lufttransport & Einsatzversorgung: Ausbau von Transportkapazitäten, Luftbetankung, Militärhospitälern und CBRN-Schutzfähigkeiten
  • Elektronische Kampfführung (SEAD/DEAD): Fähigkeit, gegnerische Luftverteidigung und Kommunikation zu stören oder auszuschalten

Finanzierung: 500 Milliarden Euro in zehn Jahren

Die Gesamtkosten der sogenannten „Souveränitätsagenda“ beziffern die Autoren auf rund 500 Milliarden Euro über das nächste Jahrzehnt, davon bis zu 200 Milliarden Euro bis 2030. Das entspricht rund 50 Milliarden Euro pro Jahr – oder etwa 0,25 Prozent des gemeinsamen BIP der EU, Großbritanniens und Norwegens. Die Autoren betonen, dass dieser Betrag deutlich unter dem NextGenerationEU-Programm (750 Milliarden Euro) liegt, das nach der Covid-Pandemie aufgelegt wurde.

Der entscheidende Engpass: Politik, nicht Geld

Die Autoren betonen, dass weder fehlende Finanzmittel noch fehlende Technologie das zentrale Hindernis darstellen. Das eigentliche Problem sei die politische Fragmentierung: Europa betreibt derzeit viele verschiedene Panzertypen, Kampfflugzeugmodelle und Kommandosysteme – und erzielt dadurch laut der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) 30 bis 40 Prozent weniger militärische Fähigkeiten pro investiertem Euro als ein konsolidierter Staat. Die Bilanz des deutschen 100-Milliarden-Sondervermögens sei ernüchternd: Das Geld floss im Verhältnis 99 zu 1 in bestehende Systeme statt in neue Technologien – und überwiegend nicht an europäische Hersteller.

Paradigmenwechsel in der Beschaffung gefordert

Um das Programm umzusetzen, fordern die Autoren einen grundlegenden Wandel in der Rüstungsbeschaffung:

  • Prototypen-Wettbewerbe statt langer Spezifikationsprozesse
  • Ergebnisbasierte Verträge statt detaillierter Lösungsvorschriften
  • Kapazitätsverträge für Massenproduktion anstelle einzelner Stückzahlbestellungen
  • Fast-Track-Vergabe für europäische Anbieter bei souveränitätskritischen Fähigkeiten
  • Ökosystem-Diversifizierung durch niedrigere Eintrittsbarrieren für neue Hersteller, einschließlich Dual-Use-Unternehmen aus der Automobil- und Digitalbranche

Umsetzung durch Koalitionen, nicht durch neue Bürokratie

Die Autoren sprechen sich gegen den Aufbau einer neuen europäischen Zentralstruktur aus. Stattdessen sollen handlungsfähige Leitkoalitionen die Umsetzung tragen: Deutschland und Partner könnten Führungsrollen in Luftverteidigung und Drohnenabwehr übernehmen; Deutschland, Frankreich, Polen und das Vereinigte Königreich sollen strategische Präzisionsschläge koordinieren; nordeuropäische Staaten und die Niederlande könnten maritime Autonomie und elektronische Kampfführung in Nord- und Ostsee federführend entwickeln.

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