Die Frage ist nicht ob, sondern wann – wie militärische, wirtschaftliche und politische Kosten China bislang von einer Invasion Taiwans abhalten und unter welchen Bedingungen dieses Kalkül kippen könnte
Einleitung
Vergangene Woche reiste die taiwanische Oppositionspolitikerin Cheng Li-wun zu einer sogenannten „Friedenstour“ in die Volksrepublik China – der erste diplomatische Vorstoß der taiwanischen Opposition dieser Art seit über einem Jahrzehnt. Der Besuch fällt in eine Phase anhaltender Spannungen, die sich seit dem Besuch der damaligen Sprecherin des US- Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, im August 2022 noch verschärft haben.
Seither führen die chinesischen Seestreitkräfte (PLAN) regelmäßig großangelegte Militärübungen in den Gewässern rund um Taiwan durch, die gezielt Szenarien einer maritimen und luftgestützten Abriegelung der Insel simulieren sollen. Im Rahmen dieser Manöver dringen wiederholt zahlreiche chinesische Kampfflugzeuge in die taiwanische Luftverteidigungszone ein. Zudem kommen Raketentruppen, Marineverbände und Flugzeugträger zum Einsatz, die sich dauerhaft in der Taiwanstraße und angrenzenden Seegebieten positionieren. Aus Peking werden diese Maßnahmen als Reaktion auf „separatistische Kräfte“ in Taiwan begründet. Die Volksrepublik China betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz, deren Status für die politische Führung in Peking weit über eine rein geopolitische Frage hinausgeht. China hat es sich zum Staatsziel erklärt, die de facto unabhängig regierte Insel an das chinesische Gebiet anzuschließen – und das auch mit militärischen Mitteln, wenn nötig.
Die historischen Ursprünge des Konflikts liegen im Chinesischen Bürgerkrieg, in dessen Verlauf die nationalistische Kuomintang bis 1949 die Republik China kontrollierte, bevor sievon den Kommunisten besiegt wurde und sich anschließend nach Taiwan zurückzog. Es folgten weitere bewaffnete Vorstöße der Kuomintang, das chinesische Festland zurückzuerobern, auf dem sich die Volksrepublik China gebildet hatte – jedoch ohne Erfolg. Seit jeher existiert Taiwan als de facto unabhängiger Staat, der sich nach 20 Jahren autokratischer Herrschaft zu einer Demokratie entwickelte. Heute ist es laut diverser Indizes das demokratischste Land Asiens. Ein Land, das trotzdem von kaum einem Staat international anerkannt wird. Das Ausland ist stattdessen auf eine Ein-China-Politik angewiesen, um diplomatische Beziehungen zur Volksrepublik nicht zu gefährden.
In der Vergangenheit hatte China nicht die militärischen Mittel, seinen Territorialanspruch geltend zu machen. Das hat sich in den vergangenen 20 Jahren allerdings geändert. Die zentrale Frage dieses Berichts lautet daher nicht, ob China Taiwan einnehmen will. Die politische Zielsetzung ist klar formuliert. Entscheidend ist vielmehr, warum dieser Schritt bislang nicht erfolgt ist – und unter welchen Bedingungen sich dies in Zukunft ändern könnte.
I. Absicht Chinas
Nichtsdestotrotz ist zunächst eine klare Beschreibung der vielschichtigen Interessen Chinas an Taiwan von Nöten. Zunächst ist die strategische Lage Taiwans als Teil der sogenannten First-Island-Chain der USA von immenser geopolitischer und -ökonomischer Bedeutung für Peking. Die First-Island-Chain erstreckt sich von Japan bis zu den Philippinen und bildet eine Kette von Inseln, die Chinas militärische und ökonomische Expansionsmöglichkeiten in der Region einschränken. Ist die Insel einmal unter chinesischer Kontrolle, so haben Chinas Seestreitkräfte freien Zugang zum pazifischen Ozean und wären in der Lage, den strategischen Einfluss der USA massiv zu minimieren. Gerade der Vorteil gegen den geopolitischen Rivalen USA ist ein bedeutsamer Aspekt: Momentan üben die USA ihren Einfluss in der Taiwanstraße durch Sicherung der Seewege im internationalen Gewässer aus – die ca. 180 km breite Seestraße zwischen der taiwanischen Küstenlinie und dem Festland wird von US-Einheiten aber auch japanischen, kanadischen und sogar punktuell deutschen Seestreitkräften beschifft. Diese „Freedom of Navigation Operations“ (FONOPs) sind dem chinesischen Regime ein Dorn im Auge, Peking besteht darauf, die Taiwanstraße als chinesisches Hoheitsgebiet zu behandeln. Laut UN-Abkommen gelten Meeresgebiete außerhalb von 12 Seemeilen Entfernung von der Küstenlinie als internationales Gewässer, wodurch sich ein 46 Seemeilen breiter Korridor staatsfreien Gebiets in der Meerenge eröffnet.
Über geopolitische Perspektiven hinaus stellt die „Wiedervereinigung“ einen Kernaspekt staatlicher Identität Chinas dar. Die Präambel der Verfassung der Volksrepublik China von 1982 besagt deutlich: „Taiwan ist Teil des heiligen Territoriums der Volksrepublik China. Es ist die erhabene Pflicht aller Chinesen, einschließlich unserer Landsleute in Taiwan, die große Aufgabe der Wiedervereinigung des Vaterlandes zu bewältigen.“. Die offizielle Linie der Chinese Communist Party (CCP) hat zwar stets eine friedliche Wiedervereinigung proklamiert, keine Regierung hat aber jemals den Einsatz militärischer Mittel ausgeschlossen. Vielmehr räumt sich China mit dem 2005 unilateral verabschiedete „Anti-Succession Law“ das Recht ein, „nicht-friedliche Mittel“ zu nutzen, falls Taiwan seine Unabhängigkeit erklärt oder friedliche Mittel nicht ausreichen, um einen Anschluss Taiwans zu vollziehen. Die CCP sieht somit auch ihre innenpolitische Glaubwürdigkeit bedroht, solange mit wachsender Macht nicht auch die Wiedervereinigung Chinas einhergeht. Für das Regime in Peking ist die Einnahme Taiwans keine außenpolitische Option, sondern institutionelle Unvermeidbarkeit. Wenn die politische Zielsetzung so eindeutig und strukturell verankert ist, wird die eigentliche analytische Frage umso dringlicher:
Was hält China derzeit davon ab, dieses Ziel militärisch umzusetzen?
II. Costs of war – was hält China (noch) ab?
Die CCP setzt in ihren Bestrebungen der Wiedervereinigung schon lange nicht mehr nur auf friedliche Mittel, um den Status Quo zu ändern. Seit Jahrzehnten setzt Peking auf eine Vielzahl von hybriden Attacken, um den Anschluss Taiwans zu beschleunigen. Unter Xi Jinping wurde diese Kampagne intensiviert und erweitert: ökonomischer Druck, Desinformationskampagnen, Spionage, Cyberattacken und Lawfare³ sind nur einige der Taktiken, die paramilitärisch Druck auf die taiwanische Regierung und Bevölkerung ausüben. Viele dieser Maßnahmen bewegen sich im Bereich eines sogenannten Grauzonen-Konflikts und werden sorgfältig überwacht, um keine Krise zu verursachen, die in einen ungeplanten Krieg eskalieren könnte. In der politischen Theorie entscheidet sich eine Partei dann für Krieg, wenn der mögliche Nutzen eines Angriffs die erwarteten Kosten des Krieges übertreffen. Welche Kosten erwarten also Peking, die sie von einer Invasion Taiwans abhält?
Militärische Kosten
Eine Invasion der Hauptinsel durch die chinesische Volksbefreiungsarmee (PLA) läuft Gefahr, enorm kostspielig zu werden. Taiwan bereitet sich seit geraumer Zeit darauf vor, im Falle einer chinesischen Eskalation verteidigungsfähig zu sein – Präsident Lai Ching-te hat einen Sonderetat von ca. 40 Milliarden US-Dollar angekündigt, die Verteidigungsausgaben sollen bis 2030 auf 5% des BIP steigen. Hiermit sollen Taiwans asymmetrische Fähigkeiten ausgeweitet werden: Die PLA kann auf ein Truppenarsenal von 15-mal mehr aktiven Soldaten und einen rund 19-mal höheren Verteidigungshaushalt zurückgreifen, Taiwan ist somit militärisch massiv unterlegen. Aus diesem Grund setzt die Insel im Wesentlichen auf die „Stachelschwein“-Strategie: kleinere, günstige aber in gegebener Situation hocheffektive Waffensysteme sollen eine Invasion maximal kostspielig machen. Bei einer amphibischen Invasion sähe sich die PLAN mit Anti-Schiffs-Raketen, Seeminen, UAVs, Schnellangriffsbooten mit Tarnkappenfunktion und weiteren ähnlich kleinen, mobilen Waffen konfrontiert. Erst im Dezember 2025 genehmigte die Regierung unter Donald Trump die Lieferung von leichten und schweren Waffensystemen im Wert von rund 11 Milliarden US-Dollar.
Taiwans größter Vorteil liegt jedoch in seiner Geografie: Hunderttausende Soldaten in angreifbaren Schiffen über die Meerenge zu befördern, ist langwierig, mühsam und überaus gefährlich. Truppenaufmärsche sind bei einer solchen amphibischen Großoperation kaum zu übersehen, was einen Überraschungsangriff beinahe unmöglich macht. Darüber hinaus lässt die Monsunzeit für eine großangelegte Landungsoperation nur einen Zeitraum weniger Monate im Jahr zu, und der Mangel an Tiefwasserhäfen – die für eine Landung unabdingbar sind – würde eine Invasion zusätzlich erschweren.
Gegeben dem Fall, dass China eine Invasion in großer Truppenstärke sowie das Errichten eines Brückenkopfes gelingt, wäre die taiwanische Armee bestens auf einen Guerillakrieg im topographisch anspruchsvollen Gelände vorbereitet: Das bergige Terrain rund um Taipeh eignet sich bestens zum Bau von Verteidigungsanlagen, außerdem ergänzen tragbare Luftabwehrsysteme (MANPADS), hochmobile Artillerieraketensysteme (HIMARS) und mobile Panzerabwehrwaffen Taiwans Verteidigungsfähigkeiten im urbanen Raum. Alles in Allem steht weiterhin außer Frage, dass China’s Schlagkraft überwältigend ist – eine chirurgische, kurzweilige Operation dürfte Xi Jinping allerdings nicht erwarten, dafür ist Taiwan zu gut auf eine Invasion vorbereitet. Erschwerend kommt hinzu, dass der letzte größere Kriegseinsatz der PLA im Jahre 1979 lag und sich die Kampferfahrung auf großangelegte Übungen beschränkt. Auch das Vertrauen in die militärische Führung ist in letzter Zeit fragiler geworden: Das Verteidigungsministerium hat zu Beginn des Jahres Ermittlungen gegen ranghohe Generäle eingeleitet, die eigens von Präsident Xi Jinping eingesetzt worden sind. Es steht ein Verstoß gegen „Parteidisziplin und Gesetz“ im Raum – in China steht dieser Vorwurf in vielen Fällen in Zusammenhang mit Korruption.
Darüber hinaus verkompliziert die Möglichkeit einer Intervention der USA im Kriegsfall die Lage massiv. Wie bereits ausgeführt, haben die USA ein starkes geopolitisches Interesse am Fortbestand Taiwans. Die Beziehungen US-taiwanischer Beziehungen zeichnen sich durch eine strategische Ambiguität aus: Auf der einen Seite verfolgen die USA offiziell die Ein- China-Politik, pflegen auf der anderen Seite jedoch durch den 1979 beschlossenen Taiwan Relations Act enge Verbindungen zu Taipeh, der die Abschreckungsfähigkeit der Insel durch Waffenexporte zur Selbstverteidigung sichern soll. Im Falle eines Angriffs Chinas wurde militärische Beihilfe zwar nie garantiert, jedoch auch nicht ausgeschlossen. Der ehemalige US-Präsident Biden versprach ab 2021 sogar mehrmals öffentlich, dass die USA Taiwan verteidigen würden. Unter Trump ist die US-Außenpolitik jedoch eine andere – die USA sind nun eher als Versicherungsgesellschaft, statt als Schutzmacht zu verstehen. Ist Taiwan gewillt, für seine eigene Sicherheit zu bezahlen, so ist Trump auch eher geneigt, für dessen Unabhängigkeit einzustehen. Die Folgen einer direkten Konfrontation der systemischen Rivalen USA und China sind unvorstellbar – ein globaler Krieg wäre die Folge. Ein Krieg von Nuklearmächten, dessen militärische, ökonomische und humanitären Konsequenzen untragbar wären.
Ökonomische Kosten
Die globalen Folgen eines Angriffs Chinas auf Taiwan wären laut Ökonomen gravierend für die Weltwirtschaft. Taiwan ist der weltweit wichtigste Produzent von High-Tech-Chips – die Unterbrechung der Halbleiterindustrie sowie die Lahmlegung der Taiwanstraße könnte Kosten von bis zu 10% des globalen BIPs verursachen. Technologieunternehmen wie die Taiwan Semiconductor Manufacturing Co. haben für den Fall einer Invasion bereits Pläne für die Vernichtung ihrer Fabriken ausgearbeitet. Eine Krise, die auch China hart treffen würde. Eine globale Rezession, gepaart mit massiven Wirtschaftssanktionen von den USA, der EU und weiteren Partnerstaaten, würde die bereits mit schwacher Nachfrage und Deflationsgefahr kämpfende Wirtschaft Chinas in eine tiefe Krise stürzen. Je stärker ein Staat in die Weltwirtschaft integriert ist, desto höher sind die Kosten eines systemischen Konflikts. Ein offener Krieg um Taiwan würde nicht nur Kosten verursachen, sondern die wirtschaftliche Grundlage Chinas eigener Machtprojektion gefährden.
Nichtsdestotrotz ist es denkbar, dass die politische Führung in Peking die rein ökonomischen Kosten einer gewaltsamen Vereinigung in Kauf nehmen würde, um langfristige strategische Ziele zu erreichen. Nur in Kombination mit den weiteren genannten Costs of War erklärt sich, weshalb China bislang noch nicht gehandelt hat.
Politische Kosten
Die innenpolitischen Risiken, die mit einer Invasion verbunden sind, sind wohl der am meisten unterschätzte Faktor bei der Erklärung von Chinas Zurückhaltung. Die Regimelegitimität der CCP beruht auf wirtschaftlichem Erfolg, Stabilität und nationaler Stärke – das Narrativ der „nationalen Wiedergeburt“ durch die Anschließung Taiwans ist ein Kernkonzept dieser Legitimierung. Die Idee, dass eine Wiedervereinigung gerecht und unvermeidbar ist, hat das Regime so gut verkauft, dass große Teile der chinesischen Öffentlichkeit geradezu leidenschaftlich an einen schnellen, militärischen Sieg glauben, falls friedliche Mittel nicht fruchteten. Eine solche Erwartungshaltung ist zum Scheitern verurteilt. Man stelle sich nur vor, der Krieg würde tatsächlich ein langwieriger, kostspieliger Konflikt, dessen wirtschaftliche Konsequenzen die Bevölkerung unmittelbar und hart treffen würden. Autoritäre Systeme haben bekanntermaßen weniger Puffer für Fehler: Während Informationen in Zeiten der Stabilität kontrolliert werden, erzeugt ein Krieg reale, sichtbare Kosten, die durch Propaganda nur schwer zu kaschieren sind.
Der politische Preis eines langen Krieges ist höher als der eines nicht geführten Krieges. Auch innerparteiliche Machtkämpfe stellen bei ausbleibendem Erfolg ein enormes Risiko für das Regime in Peking dar. Politische Stabilität von autoritär regierter Staaten hängt von Elitenkonsens ab. In der Politiktheorie ist vom sogenannten Selektorat die Rede – die politische Führungsriege und sonstigen mächtigen Stakeholder, die ein Mitspracherecht in der Führungswahl haben. Ist das Selektorat unzufrieden, kommt es zu innerparteilichen Machtkämpfen, die Gefahr laufen, die innerpolitische Stabilität weiter zu gefährden.
Politische Risiken manifestieren sich somit nicht nur auf der Straße, sondern auch innerhalb der Machtstruktur selbst. Die politischen Kosten eines Konflikts liegen daher nicht primär in der Entscheidung zum Krieg, sondern in seiner Unkontrollierbarkeit. Ein militärischer Angriff könnte kurzfristig nationale Stärke demonstrieren, langfristig jedoch genau jene Stabilität untergraben, auf der die Macht der chinesischen Führung beruht. In Kombination zeichnen militärische, wirtschaftliche und politische Kosten ein selbstverstärkendes Erklärungsmuster für die Zurückhaltung Chinas. Die zugrunde liegende Kostenstruktur ist allerdings dynamisch und kann sich künftig zugunsten einer Invasion verändern.
III. Unter welchen Bedingungen könnte China doch handeln?
Einen Zeitpunkt zu nennen, zu dem China in Taiwan einmarschiert, wäre reine Spekulation. Nichtsdestotrotz lassen sich gewisse Bedingungen und Entwicklungen nennen, die einen Angriff deutlich wahrscheinlicher machen.
Sollte Taiwan sich offiziell als unabhängigen Staat erklären, gilt ein militärisches Eingreifen Chinas als fast sicher – das hat die Führung in Peking wiederholt öffentlich verdeutlicht. Ein solches Szenario gilt jedoch als äußerst unrealistisch, Taipeh hat sich mittlerweile mit dem Status quo der de-facto-Unabhängigkeit abgefunden.
Ein weiteres Szenario, das Peking als unmittelbare Bedrohung werten würde, ist die formelle Stationierung von US-Truppen oder anderen ausländischen Streitkräften in Taiwan. Da die Volksrepublik China die Insel offiziell als Teil ihres Staatsgebiets betrachtet, würde dieser Schritt als Invasion interpretiert und höchstwahrscheinlich einen militärischen Angriff nach sich ziehen. Beide dieser Schritte sind in Hinblick auf die Eskalationsgefahr undenkbar.
Entscheidend ist vielmehr, wann sich die wahrgenommenen Kosten, Risiken und Erfolgsaussichten so verschieben, dass ein Angriff als rational erscheint. Ein solches Opportunitätsfenster ergibt sich zum einen, wenn die wahrgenommenen militärischen Kosten eines Krieges sinken. Das von US-Geheimdiensten erarbeitete Konzept des „Davidson Windows“ geht davon aus, dass China bis 2027 ausreichende militärische Kapazitäten besitzt, um Taiwan innerhalb weniger Tage unter seine Kontrolle zu bringen. Bei einem schnellen Erfolg könne ausländische Hilfe entweder zu spät kommen oder politisch erschwert werden.
Militärische Fähigkeit allein ist jedoch keineswegs ausreichend, um als Opportunitätsfenster zu gelten. Bislang hat die indirekte Abschreckung durch die USA funktioniert – doch auch diese droht künftig zu erodieren. Je länger die USA innenpolitisch geschwächt und durch Konflikte im Mittleren Osten militärisch gebunden sind, desto mehr verliert die Abschreckung an Glaubwürdigkeit. Dazu kommt die Fragmentierung der globalen Ordnung, zu der auch die Zerwürfnisse im Westen beitragen.
Die systemische Instabilität senkt die Schwelle für Konflikte – in den Jahren 2023 und 2024 gab es so viele bewaffnete Konflikte wie seit 1945 nicht mehr. Die politische Führung in Peking könnte zudem die jüngsten Anstrengungen Trumps, die „nationale Sicherheit“ außerhalb der eigenen Grenzen zu schützen (namentlich die Festnahme Maduros, der Iran-Krieg sowie das Greifen nach Grönland), zum Anlass nehmen, Taiwan mit selbiger Rechtfertigung einzunehmen.
Fazit
Die zentrale Erkenntnis dieses Berichts lautet, dass Chinas Zurückhaltung gegenüber Taiwan nicht auf mangelnden politischen Willen zurückzuführen ist. Die Absicht, Taiwan an die Volksrepublik anzugliedern, ist ideologisch, rechtlich und strategisch tief in der Staatsdoktrin Pekings verankert. Dass es bislang dennoch nicht zu einem militärischen Angriff gekommen ist, lässt sich vor allem durch die weiterhin hohen militärischen, ökonomischen und politischen Kosten eines solchen Schrittes erklären. Gerade diese Kosten sind jedoch nicht statisch.
Mit dem militärischen Ausbau der PLA, einer möglichen Erosion amerikanischer Abschreckung und einer zunehmend fragmentierten internationalen Ordnung könnte sich das Verhältnis von Risiko und Erfolgsaussicht aus Sicht der chinesischen Führung schrittweise verschieben. Der Weg in einen Krieg würde dabei vermutlich nicht aus einer plötzlichen Entscheidung heraus entstehen, sondern aus einer sich verändernden Lageeinschätzung in Peking: in dem Moment, in dem ein Angriff nicht mehr als zu riskant, sondern als machbar, notwendig und politisch tragbar erscheint. Die entscheidende Frage lautet somit nicht, ob China Taiwan einnehmen will.
Das ist längst geklärt, und daran werden auch die diplomatischen Bemühungen einer taiwanischen Oppositionsführerin nichts ändern können. Entscheidend ist jedoch, wie lange die gegenwärtigen Kosten und alternativen Handlungsoptionen noch ausreichen, um aus dieser strategischen Absicht keinen militärischen Vollzug werden zu lassen.
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Weitere Informationen zu unserer Arbeit als eingetragener Verein, zu den Aktivitäten der FIBS-Hochschulgruppe an der Universität Konstanz und zu Autor Benedikt Koenen finden Sie unter den folgenden Links.
Ein besonderer Dank gilt Clemens Speer und dem gesamten Team von Sicherheit und Verteidigung für die Möglichkeit, unsere Arbeit in Form dieses Fachbeitrags hier veröffentlichen zu dürfen.
FIBS E.V Weekly Situation Note 006 (KW16/26) von Benedikt Koenen
Die Weekly Situation Note ist eine kurze, auf Open-Source-Quellen basierende und meinungsorientierte Einordnung zentraler außen- und sicherheitspolitischer Entwicklungen der vorangegangenen Kalenderwoche. Sie soll eine begrenzte Anzahl relevanter Indikatoren hervorheben und analytisch einordnen. Dabei ist sie weder eine nachrichtendienstliche Lagebewertung noch belastbare Prognose und stellt keine offizielle Position dar. Die getroffenen Einschätzungen beruhen auf der Interpretation öffentlicher Berichterstattung durch den Autor/die Autorin und können sich bei Verschiebungen in der politischen Lage verändern.
Glossar:
¹ CCP (Chinese Communist Party) – Die Chinese Communist Party ist die allein regierende Partei Chinas und kontrolliert Staat, Militär und Politik.
² Chinesischer Bürgerkrieg – Konflikt zwischen Kommunisten und Nationalisten (Kuomintang) von 1927-1949, der mit dem Sieg der Kommunisten und der Gründung der Volksrepublik China endete, während sich die Kuomintang nach Taiwan zurückzog.
³ Lawfare – Strategischer Einsatz von Recht und juristischen Institutionen, um politische oder militärische Ziele zu erreichen und Gegner zu schwächen oder zu delegitimieren.
⁴UAV (Unmanned Aerial Vehicle) – Unbemanntes Luftfahrzeug (Drohne), das ferngesteuert oder autonom für militärische oder zivile Zwecke eingesetzt wird.
