Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat die französische Nukleardoktrin grundlegend neu ausgerichtet: Erstmals stellte er die Verlegung französischer Atomwaffen ins europäische Ausland in Aussicht und kündigte eine Aufstockung des Arsenals an.
Grundsatzrede auf dem U-Boot-Stützpunkt
Am 2. März 2026 hielt Macron auf dem Marinestützpunkt Île Longue in der Bretagne eine Grundsatzrede zur nuklearen Abschreckung. Der Ort war symbolisch gewählt: Île Longue ist die wichtigste Basis der französischen Atom-U-Boote. Macron skizzierte dort ein neues Konzept, das er als „vorgelagerte Abschreckung“ bezeichnete – und das eine engere Einbindung europäischer Partner in die französische Nuklearstrategie vorsieht.
Das Konzept der „vorgelagerten Abschreckung“
Die „vorgelagerte Abschreckung“ soll schrittweise umgesetzt werden. Zunächst sind gemeinsame Übungen europäischer Streitkräfte mit den französischen Nuklearstreitkräften, Aufklärungskooperation und konventionelle Beteiligung vorgesehen. Macron deutete an, dass sich strategische Luftstreitkräfte künftig auch tief im europäischen Kontinent verteilen könnten – analog zu den strategischen U-Booten, die im Nordatlantik operieren. Das Konzept soll komplementär zur nuklearen Abschreckung der NATO wirken, jedoch unabhängig davon funktionieren.
Hintergrund ist die veränderte Sicherheitslage: Angesichts wachsender Zweifel am US-amerikanischen Nuklearschirm und der veränderten US-Verteidigungspolitik betonte Macron die Notwendigkeit größerer europäischer Eigenständigkeit. Bereits auf der Münchner Sicherheitskonferenz hatte Bundeskanzler Friedrich Merz öffentlich über eine mögliche Beteiligung der deutschen Luftwaffe an einer französischen nuklearen Abschreckung gesprochen.

Deutschland und weitere Partner eingebunden
Deutschland und Großbritannien stehen im Zentrum der geplanten Kooperation. Kanzleramt und Élysée kündigten eine gemeinsame deutsch-französische nukleare Steuerungsgruppe an, die strategische Maßnahmen koordinieren soll. Noch in diesem Jahr sollen deutsche Soldaten erstmals an französischen Nuklearübungen teilnehmen; gemeinsame Besuche strategischer Stützpunkte sind ebenfalls geplant.
Neben Deutschland und Großbritannien haben laut Macron bereits Polen, die Niederlande, Belgien, Griechenland, Schweden und Dänemark entsprechende Dialoge aufgenommen. Polens Premierminister Donald Tusk bestätigte die Gespräche noch am selben Tag. Der Kreis der teilnehmenden Länder soll offen bleiben.
Konventionelle Komponenten und Rüstungsprogramme
Die Aufgaben, die europäische Partner übernehmen sollen, bleiben zunächst konventioneller Natur. Macron verwies auf die Frühwarn-Initiative Jewel sowie auf den European Long Range Strike Approach (Elsa) – ein Programm zur Entwicklung weitreichender Waffensysteme als Abschreckung unterhalb der nuklearen Schwelle. Gemeinsam mit Italien, Polen und Großbritannien arbeiten Paris und Berlin dabei an weitreichenden Präzisionswaffen. Frankreich und Deutschland wollen außerdem ihr Eskalationsmanagement unterhalb der nuklearen Schwelle gemeinsam verbessern.
Aufstockung des Arsenals
Zum ersten Mal seit Jahrzehnten kündigte Frankreich an, die Zahl der französischen Atomsprengköpfe zu erhöhen. Eine konkrete Zahl wurde nicht genannt. Das französische Arsenal umfasst derzeit schätzungsweise rund 290 Sprengköpfe, verteilt auf seegestützte ballistische Raketen und luftgestützte Marschflugkörper. Als Begründung nannte Macron die wachsende nukleare Aufrüstung Chinas, die russische Bedrohung und die instabile Lage im Nahen Osten – betonte jedoch, dies solle kein Einstieg in einen atomaren Rüstungswettlauf sein.
Unverändert bleibt die grundlegende französische Doktrin: kein begrenzter taktischer Einsatz von Atomwaffen auf dem Gefechtsfeld, und die alleinige Entscheidungsgewalt verbleibt beim französischen Präsidenten.
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