Europas Führungssysteme: Föderation statt Einheitslösung

Die Unternehmensberatung Roland Berger beschreibt in einer im September 2026 erschienenen Studie, wie sich militärische Führungssysteme (Command & Control, C2) verändern. Statt eines einheitlichen europäischen Systems halten die Autoren einen Verbund interoperabler Einzelsysteme für den realistischen Weg.
Foto: Bundeswehr/Jana Neumann

Die Unternehmensberatung Roland Berger beschreibt in einer im September 2026 erschienenen Studie, wie sich militärische Führungssysteme (Command & Control, C2) verändern. Statt eines einheitlichen europäischen Systems halten die Autoren einen Verbund interoperabler Einzelsysteme für den realistischen Weg.

Die Studie „Command & Control in the age of vanishing decision speed in defense“ wurde von Roland Berger France in Paris herausgegeben. Ihr Ausgangspunkt: Zentralisierte, synchron arbeitende C2-Architekturen stoßen in hochintensiven Konflikten an Grenzen. Ein gleichwertiger Gegner sättige das Gefechtsfeld mit Systemen und Daten, zudem änderten sich Einsatzverfahren teils im Wochen- oder Tagesrhythmus. Der Entscheidungszyklus habe sich von Stunden auf weniger als eine Minute verkürzt.

Als Belege nennt die Studie den Krieg in der Ukraine mit Reaktionszeiten von Sekunden bis Minuten und der Nutzung ziviler wie militärischer Netze. Hinzu kommt der seit 2026 andauernde Iran-Krieg, in dem die Abwehr von Raketensalven innerhalb vorab festgelegter Einsatzregeln automatisiert und in weniger als einer Sekunde ablaufe.

Drei Verschiebungen

Die Autoren beschreiben drei Entwicklungen:

  • Netzunabhängigkeit: Künftige Systeme sollen über unterschiedliche Kommunikationsnetze laufen, Souveränität und Sicherheit werden auf Ebene der Gesamtarchitektur geregelt.
  • Asynchroner Betrieb: Ein durchgehend geteiltes Echtzeit-Lagebild bleibt Aufgaben vorbehalten, bei denen Echtzeitkoordination zwingend ist.
  • Adaptive Systeme: KI-gestützte Werkzeuge sollen von den Nutzern im Einsatz an die taktische Lage angepasst werden können.

Am Ende stehe kein einzelnes C2-System, sondern ein „System of Systems“.

Stand in Frankreich, Deutschland und Großbritannien

Europa besteht laut Studie aus rund 30 Streitkräften mit jeweils eigener Doktrin, Führungskultur, industrieller Basis und Beschaffungslogik. Die drei großen Programme, SCORPION/SICS in Frankreich, D-LBO in Deutschland und LE TacCIS in Großbritannien, hätten bislang kein voll integriertes, softwaredefiniertes Multi-Domain-C2 erreicht. Das Problem liege weniger in der Zielvorstellung als in der Umsetzungsgeschwindigkeit.

Für Deutschland nennt die Studie die Integration einer heterogenen Truppenstruktur mit wachsendem Anteil ausländischer Systeme als Hauptaufgabe. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums vom Juli 2026 begann der Systemnachweis für D-LBO am 29. Juni in Munster, während die Serienintegration hinter dem Plan liegt. Die Industrie hat zugesagt, 2026 insgesamt 2.700 Fahrzeuge einzurüsten.

Großbritannien müsse nach dem Ende des Morpheus-Vertrags „Evolve to Open“ wieder Tempo aufnehmen und die Abhängigkeit vom Altsystem Bowman verringern. Der im April 2017 an General Dynamics UK vergebene Vertrag über 330 Millionen Pfund wurde im Dezember 2023 beendet. Bowman soll deshalb frühestens 2031 und spätestens 2035 außer Dienst gehen.

Das US-Modell CJADC2 lasse sich wegen der Unterschiede bei Budget, Größe und industrieller Tiefe nicht übertragen.

„Fraktal“ statt „Kathedrale“

Als Zielbild beschreibt die Studie ein „europäisches C2-Fraktal“. Zweckgebundene Führungsfunktionen, etwa für Aufklärung, Logistik oder elektronische Kampfführung, bilden einen verteilten Kern. Darum gruppieren sich nationale Führungssysteme der einzelnen Dimensionen, nach außen folgen Verbindungen zu NATO- und Koalitionsmissionen. Besonders zeitkritische Fähigkeiten wie die nukleare Abschreckung bleiben synchron und abgeschottet.

Zusammengehalten werden soll der Verbund durch offene Interoperabilitätsstandards. Die Studie verweist unter anderem auf das Federated Mission Networking (FMN) der NATO, einen Rahmen aus Personal, Verfahren und Technik für Aufbau und Betrieb von Missionsnetzwerken, der auf den Erfahrungen mit dem Afghanistan Mission Network beruht.

Rollenverteilung und „Sandbox“-Modell

Den Markt sehen die Autoren nicht als Feld für einen einzelnen Anbieter. Neue Rüstungsunternehmen seien bei eng umrissenen, schnelllebigen Aufgaben auf unteren Ebenen im Vorteil, etablierte Systemhäuser bei übergreifenden Anwendungen und der Integrationsarchitektur.

Für die Steuerung von KI schlägt die Studie am Beispiel Frankreichs ein „Sandbox“-Modell vor. Die Beschaffungsbehörde DGA und die KI-Agentur AMIAD geben Infrastruktur, Basismodelle und zertifizierte Schnittstellen vor, die Truppe baut darin eigene Werkzeuge. Drei Regeln sollen gelten: Nachvollziehbarkeit KI-gestützter Entscheidungen, Trennung nach Kritikalität und staatliches Eigentum an den Modellgewichten. Der herkömmliche Zyklus aus Spezifikation, Entwicklung und Zertifizierung dauere sieben bis zehn Jahre und passe nicht zu KI.

Technische Grundlage ist der Rechner ASGARD, den das französische Verteidigungsministerium am 4. September 2025 im Fort du Mont-Valérien in Suresnes eingeweiht hat. Er kann sowohl eingestufte als auch nicht geschützte Daten verarbeiten.

Sieben offene Fragen

Zwischen Zielbild und Einführung sieht die Studie sieben Hürden: die Geschwindigkeit industrieller Zyklen, die Hoheit über Daten und Ontologien, Interoperabilität in Koalitionen, Fachkräfte, souveräne Lieferketten für Chips, Netze und Cloud, den Schutz der Systeme gegen Cyber- und elektronische Angriffe sowie Verantwortlichkeit beim Einsatz autonomer Agenten.

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